Von „großen Schwestern“ und „fremden Onkeln“ – Familienleben und Verwandtschaftsbezeichnungen in China

Um diesen Artikel zu gestalten darf nicht unerwähnt bleiben, dass ich in meiner Gastfamilie wirklich über alles offen reden kann. Manche Themen, die meine Gastmutter in einigen Gesprächen plötzlich aufgreift, hätte ich mich selbst gar nicht getraut, anzusprechen, aber sie ist neugierig und will zu vielem meine Meinung wissen, sowie erfahren, wie mit einigen Themen in Deutschland umgegangen wird, sodass es mir besonders leicht fällt, durch Rückfragen Vieles über das Leben in China zu erfahren.
Großonkel, Urneffe, entfernter Verwandter über die Habschwester der…
Für all diese unterschiedlichen Familienbeziehungen haben die Chinesen unterschiedliche Worte. So fängt es bereits bei den Großeltern an. Es gibt nicht etwa den „Opa väterlicher“ bzw. den „Opa mütterlicherseits“, sondern die Großeltern abhängig davon von welchem Elternteil sie die Eltern sind, haben insgesamt sechs mögliche unterschiedliche Bezeichnungen. Auch der Onkel der Tante hat einen ganz bestimmten Namen, sowie der Bruder der Großmutter und dies wiederum abhängig um welche Großmutter es sich handelt. Man könnte sicher einen Monat lang damit verbringen nur Familienvokabeln zu lernen.
Sehr interessant ist zudem, dass man alle Männer im Alter des Vaters als „Onkel“ anspricht, selbst wenn man ihnen gerade zum ersten Mal begegnet, und alle Frauen in etwa im Alter der Mutter mit „Tante“. Chinesen müssen also bereits von Kind auf gut im Schätzen des Alters ihres Gegenübers sein. Eine Fähigkeit, die mir beim Beurteilen von Menschen aus anderen Kulturkreisen besonders schwerfällt.
„Große Schwester, kannst du mir bitte das Blatt bringen?“
In den Familien redet man sich äußerst selten mit den Vornamen an. Die Mutter ruft ihre Kinder schon ab und an mit den eigenen Namen, aber nicht selten zwischen Mutter und Tochter sowie zwischen den Geschwistern wird man z.B. als „große/kleine Schwester, Neffe…“ angerufen. Selbst wenn die Mutter mit dem Vater über die ältere Tochter spricht, fällt kaum ihr Vorname, sondern auch wieder der Begriff „große Schwester“. Etwas, das auf mich vollkommen seltsam wirkt und mich ein bisschen an einen Indianerstamm erinnert. Auf der anderen Seite müssen wir uns da auch über unser System wundern. Während es in der heutigen deutschen Sprache vollkommen seltsam ist zu fragen „Cousin, wie geht es dir heute?“ anstatt z.B. „Frederick, wie geht es dir heute?“ benutzen wir schließlich auch Oma und Opa sowie Mama und Papa in dieser Satzstruktur ohne es als seltsamklingend zu empfinden.
Wer lebt mit wem?
In chinesischen Familien ist es auch heute noch keine außergewöhnliche Forderung, wenn die Großeltern es als ganz selbstverständlich ansehen, dass die Kinder in ihrer Wohnung direkt ein Zimmer für sie mit einplanen. Schließlich ist für die Kinderbetreuung bis zum Eintritt in den Kindergarten und in einigen Familien sogar bis ins Grundschulalter nicht gesorgt. Da leisten die Großeltern Abhilfe, was von jungen Menschen heutzutage aber zunehmend kritisch gesehen werden. Viele Babies würden von den Großeltern zu sehr verwöhnt werden, würden als Einzelgänger aufwachsen, keine Selbstständigkeit, keine Solidarität, keinen Verzicht lernen… Interessant ist auch, dass sich inzwischen einige Mütter zu wehren beginnen. Während sich in Deutschland sicher einige Eltern die Unterstützung der (Schwieger-)Eltern wünschen würden, um früher wieder in den Beruf einsteigen zu können, rebelliert in meiner Gastfamilie die Mutter gegen die Eingriffe der Schwiegermutter in die Kindererziehung. Aber auch das gibt es sicher in Deutschland: zwei Frauen, die sich nicht verstehen und gegenseitig die Kindererziehung bestimmen möchten, in der beide davon überzeugt sind, jeweils die bessere Meinung zu haben. In der Mitte steht ein Mann, der es sowohl Frau als auch Mutter recht machen möchte. Der Unterschied zu einem solchen Dilemma in China besteht darin, dass in Deutschland nicht mehr die Verpflichtung und Selbstverständlichkeit besteht, die Großeltern „aufzunehmen“ und mit ihnen ein und dieselbe Wohnung zu teilen. Hier in China würden sich sicher einige über die Ablehnung der Mutter aufregen, wenn die Gründe herauskommen, aufgrund derer die Großeltern nicht mehr bei der Familie wohnen. In Deutschland würde man es ausgewogener betrachten und beide Seiten verstehen. Im besten Fall würde man einen Kompromiss finden und die Hälfte der Zeit, die in der neuen Regelung z.B. die Großeltern nicht das Kind umsorgen, würden sie sich nach einer anderen Beschäftigung umsehen.
Zufälligerweise habe ich kurz vor meiner Abreise aus Deutschland eine Radiodiskussion im DLF darüber gehört, ob das Ansehen alter Menschen in Deutschland nicht viel zu schlecht sei, ob sie nur als Last betrachtet werden und keinen wirklichen „Zweck“ mehr erfüllen. Dies ist hier ganz anders. Die Meinung älterer Menschen wird hoch angesehen und beachtet, zudem möchte man den Eltern danken und ihnen etwas zurückgeben. Nicht selten zahlt man ihnen daher auf ihre alten Tage hin Geld oder eine Wohnung.

Ein Kind -Politik
Es ist strittig ob und was die Ein-Kind Politik bewirkt hat. Eine negative Auswirkung ist sicher der Mangel an Mädchen. Dies ist ein Aspekt, in dem ich das moderne China tatsächlich gerechter eingeschätzt hatte, als es sich herausstellte. Denn dass Frauen, die „nur“ Mädchen auf die Welt gebracht haben, als weniger wert angesehen werden als Frauen mit Söhnen ist selbst in den Großstädten noch der Fall. So berichtet beispielsweise meine Gastmutter, dass deren Schwiegermutter sauer auf sie sei, weil sie ihrem Sohn keinen Jungen geboren hat. Doch es scheint sich, etwas im Wandel zu befinden. So erzählt z.B. meine Chinesischlehrerin an der Uni, die mit ihren 28 Jahren einer neuen Generation angehört, dass ihre Generation sich sogar fast lieber Mädchen als Jungen wünschen würden.
Sicher hat die strenge Restriktion der Geburtenzahlen und die daraus resultierende Kontrolle das Bevölkerungswachstum zumindest eingedämmt, doch es gab in vielen Fällen Ausnahmen, in denen doch mehrere Kinder pro Familie erlaubt wurden (z.B. wenn beide Eltern Einzelkinder waren, wenn sie einer bestimmten Minderheitsguppe angehörten oder in einer sehr schwach besiedelten Gegend lebten). Fragwürdig ist auch, ob nun nach der Lockerung der Vorschrift so viel mehr Kinder geboren werden. Denn für viele ist es schlichtweg zu teuer, mehr als ein Kind großzuziehen. Alleine die Kosten für den Kindergarten und die Schule sind enorm. Hinzu kommen die Zusatzkurse – und z.B. wie in meinem Fall die Bezahlung eines Au-Pairs, für den Sprachenunterricht. In China scheinen Kinder noch einmal ein deutlich teurerer Luxus zu sein, als es bereits in Deutschland der Fall ist.
Haustiere
Haustiere sind hier in China keine Seltenheit. Katzen werden tatsächlich weniger von Privatfamilien gehalten, als vielmehr in Restaurants. Auf Nachfrage erfahre ich, dass sich diese Katzen ihr Futter mit dem Jagen von Ratten verdienen. Interessant, dass das heute hier noch Anwendung findet. Wenn man abseits der Restaurantstraßen doch auf weitere Katzen trifft, so sind diese meist angeleint. Hunden begegnet man deutlich häufiger als Katzen. Die kleineren unter ihnen werden überall hin mitgenommen und finden sich daher beim „Wandern“ ebenso wie beim gemeinsamen Familienabendessen in einem Putdoorrestaurant, während dessen sie um den Tisch kreisen. Spazierengehen ist weit verbreitet, wofür meist der an das Wohngebiet angrenzende Park genutzt wird. Auch meine Familie hat einen Hund: Einen sieben Monate alten Laprador. So wirklich einverstanden damit, wie sie ihn halten bin ich nicht, aber ich kann das auch nicht auf alle chinesischen Haushalte mit Hund beziehen. Fest steht, dass es in China keine Hundeschulen zu geben scheint, in denen die Besitzer mit den Hunden trainieren. Es gibt wohl teure Zentren, die mit den Hunden arbeiten – das aber ohne Herrchen.
Zurück zur Familie: Der Hund darf sich mit Ausnahme des Kinderzimmers und Büros zwar theoretisch in der großen Wohnung frei bewegen und hat zudem zwei riesige Balkone, von denen einer mit Hundehütte und Decken ausgestattet ist, doch wenn geputzt wird und seine Haare stören, oder wenn Besuch da ist und er zu viel um die Beine streichen würde, wird er einfach auf dem kleinen Balkon oder wahlweise in der Toilette eingesperrt. Diese ist auch seine tatsächliche Toilette, was bereits aussagt, dass die Familie deutlich zu selten mit ihm Spazieren geht. Einmal am Tag Maximum, wenn eine Woche lang niemand Zeit hat, dann bleibt er eben dauerhaft drinnen und wird dann noch beschuldigt, faul zu sein. Nur am Sonntag darf er mit auf die halbtägigen Wandertouren, die fast ausschließlich aus Treppensteigen besteht – wenigstens nimmt dabei die Familie Rücksicht, denn sie wissen, dass es ungesund für Hunde ist, zu steile Treppen hochzuhechten. Nun ja. Der Hund ist eben in gewisser Hinsicht ein Kinderbespaßer, ab und zu aber auch ein Störenfried. Er wird zwar nicht geschlagen, andererseits hat er bei weitem zu wenig Auslauf und Beschäftigung – die meiste Zeit des Tages langweilt er sich oder schläft.
Soweit nun erst einmal zum Familienleben in Chngqing. Über das Verhältnis zwischen Kindern und deren Eltern sowie Großeltern fokussiere ich mich im Artikel „Prinzen und Prinzessinnen“ (LINK)

 

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