Von mit Reis gefütterten Fischen und Drachenbootsuchtrupps – Was steckt hinter dem traditionellen Dragonboatfestival?

Laternenfest, 1.Mai, 20.Mai, 1.Juni, Dragon Boat Festival. Ich fühle mich, als würde in China keine Woche ohne einen Feiertag vergehen. Und tatsächlich stellten im alten China die Feiertage eine Art Wochenendersatz dar. Leider verpasse ich mit meiner Anreise Ende Februar gerade das Mitte-Frühlingsfest, auch als chinesisches Neujahr bekannt. Stattdessen bekomme ich nur noch das „Lantern Festival“ mit, an dem jedoch nichts wirklich aufregendes geschieht, bis auf ein Familienessen im dennoch kleineren Kreis. Auch von den Trauertagen um die Verwandten, bekam ich nicht viel mit. Nach dem ersten Mai und dem groß gefeierten internationalen Kindertag kündigte sich das Drachenbootfest nun aber doch deutlich offensichtlicher an. Schon eine Woche davor konnte ich die ersten Zongzi probieren – Dreieckige Klebreistaschen, die von Bambusblättern umwickelt sind und auch an der Uni werden wir über das anstehende Fest informiert. Was aber genau ist dieses Festival, das einem Deutschen ganz im Gegensatz zum ersten Maifeiertag oder dem Kindergarten erst einmal so gar nichts sagt.
„Longchuanjie“ war für mich lange der richtige Begriff, und als ich meine Umgebung von „Dongwujie“ reden hörte, war ich zunächst verwirrt. Tatsächlich handelt es sich bei der berühmtesten Bezeichnung des Festes um keine wörtliche Übersetzung von Dragonboat, sondern bezieht sich als Übersetzung von „doppelte fünf“ auf den 5. Monat des chinesischen traditionellen Kalenders. Das ist eine Eigenschaft, die jedes chinesische Festival mit sich bringt: immer gibt es Bezüge oder Abhängigkeiten zum Mondkalender.
Zahlreiche Geschichten rangen sich um die Ursprünge dieses Tages und in unterschiedlichen Regionen Chinas gibt es mehr oder weniger Supporter der einen oder anderen Legende. Die berühmteste beruht auf dem Tod eines Poeten und Ministers names Qu Yuan, der 340-278 v.Chr. lebte. Aufgrund politischer Ereignisse, die er nicht aushalten kann, begeht er Selbstmord und stürzt sich von einer Klippe ins Wasser. Ihm haben die Menschen also diesen einen zusätzlich freien Tag im Jahr zu verdanken. Doch warum spricht man von Drachenbooten? Angeblich sollen lokale Einohner mit Boten aufs Wasser gefahren sein, um den beliebten Poeten zu retten, oder wenigstens seinen Körper zu bergen. Der Tatsache, dass ihnen nicht gelungen ist, führte zu der weiteren Tradition: dem Verzehr von zongzi. Denn angeblich sollen die verzweifelten Menschen Reisstückchen ins Wasser geworfen haben, damit die Fische diese essen und nicht aus Hunger über den Menschenkörper herfallen. Zudem stehen die kleinen Reistaschen für Glück, da die Aussprache von „zong“ sehr ähnlich zur Aussprache „zhong“ ist. Dieser Charakter findet in Ausdrücken für „Preisgewinn“ und „gute Noten“ Verwendung.
Alle jungen chinesischen Bekannten, die ich frage, betonen mir gegenüber das, was ich auch aus Deutschland gewohnt bin: die Traditionen spielen heute kaum mehr eine Rolle und die Mehrheit freut sich einfach über den freien Tag. In einigen Orten gibt es noch traditionelle Wettstreite von Holzdrachenbooten – doch leider nicht in meiner Reichweite. Ich kann rund um die Festtage besonders die zongzi genießen, die es neben der typischen Fleischfüllung zum Glück auch mit Nüssen und getrockneten Datteln sowie Bohnen gibt, sodass ich auch als Vegetariern auf meine Kosten komme. Zudem lerne ich sogar, wie ich die zongzi selbst zubereite. Dazu aber in meinem Artikel „Granatapfelflamingos vor Familienhallo“ Genaueres.
Granatapfelflamingos vor Familienhallo
Es freut mich, dass sich herausstellt, dass meine Gastmutter zwar zu Hause eine vollkommene Stubenhockerin ist, die nie die vier Wände verlässt, außer ihre Tochter von der Schule abzuholen, dass das unterwegs aber nicht der Fall zu sein scheint. Zwar möchte sie auch auf unserer ersten Reise nicht auf das „Ausschlafen“ verzichten, sodass wir nicht selten erst gegen 8:30 loskommen, andererseits sitzt sie aber auch nicht gerne herum. Am ersten Abend an dem ich im Rahmen des Dragon-Boat-Festivals einen großen Teil ihrer Verwandtschaft beim gemeinsamen Abendessen kennenlerne, dauert es nicht lange, bis wir nach dem Verstauen unserer Stäbchen auf den leeren Schüsseln, schon bald zu dritt aus dem Haus gehen. Mutter, meine Gastschwester und ich. Wir laufen durch das Viertel und mir wird von einer Regenbogenbrücke berichtet, die hier vor einigen Jahren zusammengebrochen ist und einige Menschen in den Tod gerissen hat. Überall um mich herum tanzt und singt es und ich bestaune die vielen blinkenden Lichter an den zahlreichen Läden, an denen wir vorbeikommen – eine chinesische Großstadt am Abend ist und bleibt einfach etwas Besonderes.
Schließlich gehen wir einen kleinen Wanderweg, der uns über viele Treppen auf nassgeregneten Pfaden und durch grüne Pflanzen hindurch, wieder zurückführt.
Kaum haben wir den Raum nach unserem Ausflug wieder betreten, stehe ich gleich im Mittelpunkt der Konversation. Jeder der Verwandten möchte mit mir in Austausch treten, was sich aufgrund der Sprachbarriere jedoch als eine Herausforderung herausstellt. Dennoch ist es wirklich witzig, mich mit ihnen zu unterhalten und immer wieder wird betont, wie begeistert – dieses Wort hatte ich zum Glück genau an diesem Morgen in der Uni gelernt – alle im Raum Anwesenden seien, mich zu sehen.
Über Kommentare, wie hübsch und schlank ich sei, über Nachfragen über meine Naturlocken und Anfassrunden bis hin zu einer Befragung einer Cousine meiner Gastmutter darüber, wie ihr Sohn besser Englisch lernen könne, gestaltet sich der Abend als weniger langweilig, als ich vermutet hatte. Am Ende kommt der 14 Jährige Sohn tatsächlich persönlich und ich bin auf einmal stolz darauf, wie viel ich bereits an Mandarin gelernt habe. Immerhin lernt er seit drei Jahren Englisch in der Schule, und ich versuche seit drei Monaten ein wenig Vokabelpauken noch irgendwie in meinen vollen Alltag zu packen – und trotzdem können wir uns besser auf Mandarin verständigen, als auf Englisch. Schnell merke ich, dass sogar die Frage „Which sport do you like?“ meinem Gegenüber Schwierigkeiten bereitet.
Dass wir letztendlich den eigentlichen Plan ändern und nicht mehr an diesem Abend nach Chengdu fahren, sondern nur eine einstündige Strecke in die Richtung unserer Enddestination fahren und uns im chongqinger Universitätsviertel ein Hotel suchen, um den Weg erst am nächsten Morgen fortzusetzen, ist dann auch nicht mehr ganz so schlimm

Bambusblätterorigami

Doch schon vor dem Familienabendessen kam ich mit einem Gericht, dss an diesem Abend mit auf dem großen Tisch stand, besonders intensiv in Kontakt: den Zongzi. Nicht nur mache ich mich über deren Hintergrund in der Legende schlau (sihe LINK) , auch setze ich mich mit dem Selbstzubereiten dieser Klebreistaschen auseinander, wozu mir die „Cultural Activity“, die meine Au-Pair Organisation einmal im Monat organisiert, gerade richtig kommt. Im Juni steht Kochen an. In einer großen Küche, wie es sie selten in chinesischen Haushalten zu finden gibt, finde ich mich also Mitte Juni wider. Große Schüsseln mit speziellem Klebreis (die Körner sind etwas kleiner und dicker) werden gerade auf der Theke des langen Küchenraumes aufgebart und in der Mitte darf natürlich der große Topf mit den Bambusblättern nicht fehlen. Mit Lotusblättern werden wir an diesem Tag erst einmal nicht herumexperimentieren, obwohl auch diese für die Verwendung in der Zongziwicklung berühmt sind.
Zunächst wird der Reis mit roten Bohnen gemischt, in eine der Reisschüsseln fügen wir zudem blaues Pulver hinzu. „Hergestellt von einer Thailändischen Blume“, wie mir und den Mitarbeitern der Organisation, die sich wie sich herausstellt heute auch zum ersten Mal am Zongzi-Falten versuchen, erklärt wird. Eine schöne Farbe hat es in jedem Fall und es sei zudem „100 % natürlich“.
Nach drei Versuchen, halte ich mein Bambusblätterdoppelpack der mir gegenüber fleißig faltend und knotenden Dame unter die Nase. Geduldig zeigt sie es mir noch einmal und ich versuche mir alles genaustens einzuprägen. Erst mit beiden Händen nach unten Falten, dann mit der rechten Hand von oben festhalten und mit der linken zwei Mal im Kreis eindrehen, anschließend die Reisbohnenmischung einfüllen, das Röllchen abklopfen, damit sich der Reis auch bis hin an die Spitze des gefalteten Röllchens verteilt, schließlich mit dem notwendigen Druck nach unten und rechts Falten. Hierbei in keinem Fall die grünen Bambusblätterspitzen verlieren – und dann als letztes in Dreiecksform mit Schnur umwickeln und festzuknoten. Ganz fest und ohne ein Loch ist dabei besonders wichtig, was es Anfängern erschwert, ein brauchbares Produkt herzustellen. Aber streng muss unsere Lehrerin in jedem Fall sein, denn: die Zongzi werden drei Stunden lang in heißem Wasser gekocht und dabei sollte schließlich nicht der ganze Reis herausfallen. Besonders schwierig ist es, die kleinen Bambusblätter zu verarbeiten – aber nach einigem Falten kommt doch etwas Routine in den Falt- und Füllvorgang und als die Reisschüssel fast leer ist, sehen meine Reistaschen schon recht ansehnlich aus.
Neben dem konzentrierten Arbeiten erfahren wir, dass unsere heutige Kochlehrerin tatsächlich eine kleine Berühmtheit in der Umgebung ist. Zum Beweis wird mir ein Kochbuch in die Hand gedrückt, das sie verfasst hat. Darin: mindestens 300 Frühstücke für Kinder. Von Marienkäfern aus Gemüse über Flamingos aus Granatapfelkernen und einer Ballerina gefertigt aus einem Pizzastück sind alle möglichen Leckereien in den schönsten Formen zu finden. Unglaublich, welche Mühe da jeden Morgen unternommen wird. Denn das Frühstück setzt sich jeweils aus einem Brei, einem Teller mit kunstvoll angerichtetem Brot, Reis oder Dumplings plus Obst/Gemüse und einem besonderen Getränk zusammen. Doch diese Mühe lohnt sich nicht nur zum Genießen des Essens und für eine abwechslungsreiche Morgenüberraschung. Vielmehr dienen die Bilder dazu, den Kindern bestimmte chinesische Gedichte näher zu bringen. Keine schlechte Idee, Schönheit für die Augen, Geschmack und Poetik miteinander zu verbinden.
Alle Rezepte und Anleitungen sind auf Chinesisch verfasst – noch ein Anreiz mehr, weiterhin brav meine Vokabeln zu pauken – so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich selbst zurück in Deutschland das ein oder andere Gericht ausprobieren werde.
Nach dem Zongziknoten wird nun für uns gekocht und eine Stunde lang können wir mithelfen, das Gemüse zu sortieren, während uns kunstvoll die beiden Thermomixer vorgeführt werden, die einen stolzen Platz auf der Küchenzeile einnehmen. „Aus Deutschland!“ Alle Chinesen die an diesem Tag dabei sind, sind hellauf begeistert von diesem Wundergerät – und sind ganz erstaunt, als ich erzähle, dass weder meine Familie selbst, noch irgendjemand, den ich bislang getroffen habe, einen Thermomixer zu Hause stehen hat. Daher verfolge auch ich gespannt die Erläuterungen und Life-Vorführungen über all das, was dieses Gerät kann.
Aufgetischt wird uns schließlich eine super leckere Kürbis-Kartoffel-Cashewkernsuppe (aus dem Thermomixrezeptebuch (: ), bereits zuvor zubereitete zonzi mit Dattelfüllung (damit wir nicht drei Stunden warten müssen) und eine chinesische grün-rote Gemüseart, die mit Zwiebeln im Thermomix zerkleinert wurde. Alles rundum super lecker.

Werbeanzeigen