Von original Bootziehseilen bis hin zu einem interaktiven Tag-Nacht-Bild, des modernen Chongqings – ein Besuch im Three Gorges Museum

An der gegenüberliegenden Wand läuft eine Simulation – zu meiner Freude sogar mit englischem Untertitel. „Hier wird das Three Gorges Damm Projekt erklärt. Es kostete 180 Mio. Yuan und für die Umsetzung mussten 1 Mio. Menschen ihre Heimat verlassen, weil ihre Dörfer fast vollständig geflutet wurden. Fotos von diesen Menschen, die auch eine Entschädigung dafür erhielten, sind an dieser Wand zu sehen“ schallt es durch den kleinen Kopfhörer in meinem rechten Ohr. Ich drehe mich von der Simulation weg, in der gerade gezeigt wird, nach welchem Funktionsprinzip und welche Mengen an Strom seit dem Umbau bereits produziert wurden, gefolgt wird dies von der Erklärung der Funktionsweise des „Schiffaufzuges“ von dem ich aber nur noch den Anfang mitbekomme. Auf der anderen Seite, erblicke ich nun eine Erinnerungsfotowand mit zahlreichen kleinen Bildern. Am Wasser arbeitende Menschen, Feste feiernde Kinder, Häuseransammlungen…
Als wir schließlich im Aufzug stehen und uns zwei Stockwerke nach oben in den zweiten Teil der Hauptausstellung befördern lassen, werden wir von unserem Guide gefragt, warum wir uns in Chongqing aufhielten. Wir, das sind zwei weitere Au-Pairs, eine aus Dänemark und eine aus Italien, die ebenfalls als Englischlehrerin in einer chinesischen Familie leben, und ich, erklären der jungen Frau unseren Hintergrund und fügen hinzu, dass heute der erste von der Organisation geplante „Gruppenausflug“ stattfindet. Derartige Ausflüge werden einmal im Monat mit allen Au-Pairs durchgeführt. Auf dem Plan, den wir bisher erhalten haben, stehen für das kommende halbe Jahr das Erlernen des Mah-jong-spielens sowie ein Kalligraphiekurs und einige weitere Ausflüge auf dem Plan. Nun geht es aber erst einmal weiter mit der Führung. Wir können über die „Three Gorges“ hinweglaufen – zumindest über ein maßstabsgetreues Modell am Fußboden, das auch die unterschiedlichen Längen der drei Schluchten visualisiert. Darüber hinaus erfahren wir etwas über die Flora und Fauna in den Schluchten, über den florierenden Tourismus in der Gegend und die Veränderung der Arbeitsstellen rund um die Schluchten. Besonders beeindruckend ist dabei ein Originalseil, das früher Bootschleppern zum Ziehen der Boote diente. Eine unglaublich harte Arbeit, die in vielen Zeichnungen und Skulpturen festgehalten wurde. Zudem lassen sich auf den Bildern Männer sehen, die einen Holzstab über ihre Schultern gelegt haben, an dem rechts und links je ein gefüllter Wassereimer baumelt. Dieser menschliche Transport stellte früher die einzige Möglichkeit dar, auch in den Bergen Chongqings über eine Wasserversorgung zu verfügen. Heute tragen die Nachkommen dieser Arbeiter die Touristenkoffer links und rechts an ihren Stangen die steilen Stufen hinauf.
Im nächsten Raum führt die Ausstellung weg von den drei Schluchten, hin zur allgemeinen Stadtentwicklung Chongqings. Modelle der Stadt von vor mehreren hundert Jahren sowie die ersten Kartenaufzeichnungen sind hinter den Vitrinen zu bestaunen. Auch die ehemals in Chongqing besonders zahlreich vorhandenen Stadttore, von denen heute nur noch eineinhalb erhalten sind, werden uns in Form von Bildern und Modellen erklärt.
Jetzt folgen wir weiter unserem Guide und begeben uns dabei in die Nachbildung einer alten Straße: kleine Geschäfte stehen dicht aneinander. Vom Berber über eine Apotheke mit den vom ehemaligen Besitzer gespendeten Originalschränken, die noch den Kräutergeruch in sich tragen bis hin zu einer Art „Konditormeister“ der aus Honig, Reisstärke und Nüssen eine Art süßen Fladen herstellt.
Direkt an das Süße schließt sich das Bittere an. Denn kaum haben wir die alte Einkaufsstraße verlassen, werden uns Waffen vorgestellt. Bei den Waffenproduktionsmaschinen entdecke ich einige deutsche und amerikanische Firmennamen. Die Stimme unseres Guides bestätigt mir, dass zu Anfang der Verwendung von Waffen in China viel aus dem Ausland importiert wurde.
Gewalttätige Auseinandersetzungen haben viel mit Politik zu tun. So begegnen wir nach dem Umgehen der nächsten Ecke drei Statuen wichtiger Persönlichkeiten. Darunter zwei Revolutionäre, die den kommunistischen Gedanken nach China gebracht und dort verbreitet haben.
In der linken Vitrine daneben wird eine der wichtigsten Epochen für Chongqing dargestellt: Der Ort, der damals nicht mehr als eine halbe Million Einwohner umfasste, war im Zuge der Ereignisse im Japanisch-Chinesischen Krieg von Chiang Kai-shek bis zum Ende des zweiten Weltkrieges zur Hauptstadt „Chinas“ ernannt worden.
Fotos von Staatsbesuchen reihen sich einen Schrank weiter aneinander. Amerikanische und europäische Politiker haben sich dabei mit chinesischen Ministern und dem Staatsoberhaupt ablichten lassen. Die ersten Fotos stammen aus dem Jahr 1940. Eines der wichtigsten Bilder wurde im Jahr 1945 erstellt: Mao Zedong und Chiang Kai-shek trafen in diesem Jahr auf den US Botschafter Patrick Hurley, der ihnen die Ergebnisse der Konferenz von Jalta mitteilte. Ein wichtiges Ereignis im Verlauf des chinesischen Bürgerkrieges.
Die Tour endet mit einer Luftaufnahme des heutigen, modernen Chongqings, die sich im Tages-Nacht-Rhythmus verändert. Die mir so wohlbekannten Hochhäuser scheinen aus dem Bild herauszuragen. Hier endet nach eineinhalb Stunden unsere Tour und wir geben unserem Guide die kleinen Kopfhörer zurück. Ich verstehe die Dame danach immer noch genauso gut, wie zuvor und bei einer Gruppengröße von drei Personen wäre ich niemals auf die Idee gekommen, ein Mikrofon zu verwenden, aber wie auch schon in der Uni (siehe LINK) scheinen auch im Museum Chinesen Stimmverstärkungssysteme einfach sehr zu mögen.
Über das Museum
Ohne Führung ist der Eintritt in alle Ausstellungen kostenlos, sodass wir uns nun aufteilen und jeder seinen eigenen Interessen nach, durch weitere Ausstellungsebenen hindurchflaniert.
Je nach Ausstellung sind dabei die Beschreibungen zu den Exponaten mal mehr, mal weniger in Englisch übersetzt. Insgesamt kann man sich das ein oder andere Mal jedoch gut damit zufriedengeben, „nur“ die Ausstellungsstücke zu betrachten. So sind beispielsweise die bemalten Fächer und kalligraphischen Kunstwerke der Abteilung „Paintings and calligraphies through the ages“ sowie das ausgestellte Porzellan in „Porcelain articles of various dynasties“ an sich schon beeindruckend genug – und die Jahreszahlen sind immer zu identifizieren.
Sehr interessant sind auch die Beschreibungen, Fotos und Originalmodelle der traditionellen Bekleidung. In der entsprechenden Ausstellung werden sogar die regionalen Unterschiede der Stoffe und die speziellen Kleider, die zu speziellen Festen getragen werden, erläutert.
Weitere Ausstellungen sind:
– Years of the Anti-Japanese War (1937-1945)
– Coins of various dynasties
– Sculptures of the Han Dynasty (206BC-220AD)
– Folk customs of the people in southwest China
– Cultural relics donated by Li Chuli
Das Gebäude an sich ist mindestens ebenso sehenswert, wie sein Inneres. Der verglaste Dom beinhaltet insgesamt 50 828 m2 Ausstellungsfläche und wurde im Jahr 2005 fertiggestellt. Auch der Blick vom Eingang aus auf die gegenüberliegende Seite ist ein Foto wert. Denn dort liegt die People’s Assembly Hall, das zu den zehn wichtigsten kulturellen Gebäuden in Chongqing zählt.

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