Von Prinzen und Prinzessinnen – wie die Ein-Kind-Politik nicht nur die Bevölkerungszahl beeinflusst

Gerade als das Essen an den Tisch gebracht wird, packt die Chinesin Anfang 30 ihre Handschuhe und ein Sieb aus. Kaum ist die Nahrung angekommen, beginnt sie damit, die Bestandteile fein säuberlich abzutrennen und einige Lebensmittel in eine Schüssel zu sieben, die sie dann ihrer sechsjährigen Tochter reicht. In der nächsten Szene erklärt dieselbe Dame einem Mädchen Anfang 20 aus Spanien, welches Obst die Eltern und sie essen und welches für die Tochter reserviert ist. Es folgt eine zweiminütige Sequenz, in der sie der Spanierin alle Hausregeln erklärt.
Der Film, der uns im Zuge der Einführungstrainingstage bei StarExchange kurz nach meiner Ankunft in China gezeigt wird, ist zwar etwas übertrieben, wie die Trainer selbst zugeben, einiges Wahres ist aber doch dran. Er spielt in Peking. Und besonders in Peking ließen sich wohl derartige Familien finden: Ein mittelreiches bis reiches Ehepaar, das all seine Aufmerksamkeit auf ihr einziges Kind lenken. Jeder Wunsch wird diesem erfüllt, der Tag ist vollkommen durchgeplant, und die nicht arbeitende Mutter verbringt all ihre Zeit damit, sich mit Lehrern zu unterhalten, Erziehungsbücher zu lesen und neue Ideen umzusetzen, wie sie ihr Kind noch besser fördern kann. Die perfekten Eltern wollen sie sein – das kommt in dem Film heraus. Doch ist das etwas typisch Chinesisches? Ich denke nicht. Alle Eltern auf der Welt möchten gute Eltern sein, diesen „Familienjob“ so gut wie möglich erfüllen, ihren Kindern eine gute Zukunft ebnen. Doch tatsächlich übertreiben es die Eltern hier in China deutlich häufiger, als in Deutschland – so zumindest mein Eindruck.
Während wir es belächeln, dass auch in Deutschland immer mehr Eltern mit ihren Kindern gemeinsam die Studieninformationsmessen besuchen, für ihre Kinder den passenden Studiengang aussuchen und auch immer mehr Eltern Angst haben, ihre Kinder alleine durch die Gegend laufen zu lassen und sie stattdessen tagtäglich und überall mit dem Auto abholen, ist all dies in China seit langem Gang und Gebe. Oftmals werden die Kinder tatsächlich von Eltern und Großeltern verwöhnt. Sie werden vor jeder schwierigen Situation bewahrt und gepudert bis sie die Universität besuchen und ausziehen. Es sind die Eltern, die entscheiden welche Schule das Kind besucht, während ich mich in Deutschland noch an die Unterhaltungen mit meinen Eltern unterhalte, in denen wir dies gemeinsam überlegten. Es sind oftmals sogar die Eltern, die den „richtigen“ Studiengang für ihre Kinder auswählen. Und dabei meine ich nicht, dass sie nur ihre Empfehlungen und Eisachätzungen abgeben, was noch vollkommen in Ordnung wäre.
Dabei besteht eine Gradwanderung zwischen Verwöhnen und Zwingen. Denn es wird so lange auf die Wünsche der Kinder eingegangen, bis diese der eignen Vorstellung der „perfekten Lebensgrundlage“ widersprechen. Ja, sicher muss man die Kinder manchmal zu ihrem Glück zwingen und sicher ist es in einer Großstadt wie Chongqing nicht immer ungefährlich, doch bin ich davon überzeugt, dass die Kinder nicht massenhaft umgefahren oder gekidnappt werden, wenn sie die zehn Minuten Fußweg bis zur Schule auch einmal ohne Eltern zurücklegen. Immerhin sind sie dabei noch nicht einmal alleine, da sie ohnehin stets auf Freunde und Klassenkameraden treffen. Bis sie neun Jahre alt sind, werden sie jedoch jeden Tag zur Schule gebracht und wieder abgeholt, was den Riesenauflauf erklärt, der täglich vor den Schulgebäuden zu beobachten ist, wenn ich meine 7-jährige Gastschwester auf dem Schulhof abhole.
Auch in der Schule lernen die Kinder keine Selbstständigkeit. Alle Hausaufgaben werden in ein Heft geschrieben, die Eltern erhalten die Lösungen zugesandt und kontrollieren die Hausaufgaben der Kinder. In der Schule gibt es selten Gruppenaufgaben und das eigene Denken neben dem Auswendiglernen wird eher selten gefordert. Dennoch bin ich überrascht, dass in der Schule durchaus als Hausaufgabe auch kreative Bilder gemalt werden müssen. So ganz stur scheint die Wissensübermittlung hier also doch nicht zu sein. (Mehr zum Thema Bildung in folgendem Artikel)
Diese Unselbstständigkeit der Kinder treibt mich manchmal aber echt auf die Spitze. Ich glaube, selbst als Mutter wäre ich irgendwann genervt von dem ständigen „Mama!Mama?“ Jedes kleinste Problem wird ihr mitgeteilt, jedes noch so unbedeutende Ereignis wird ausführlich erzählt. Seufz. Ich habe das Gefühl, dass die chinesischen Kinder kein Geheimnis für sich behalten könnten.
Aber natürlich unterscheiden sich die Familien untereinander. Während die Einen ihr Kind dazu zwingen, oder es unter Druck setzen, jeden Tag fünf Stunden lang Geige zu üben, möchten die Anderen ihr Kind bloß nicht zu sehr belasten und es keinem Stress aussetzen. Einige orientieren sich heutzutage auch mehr und mehr am westlichen System, das sich dort innerhalb der letzten Jahrzehnte entwickelt hat. Sie versuchen, die Kinder früher in die Entscheidungsfindungen mit einzubeziehen und sie vermehrt selbstständig arbeiten zu lassen. Besonders ausgeprägt ist dies in den Familien, die sich sogar ein europäisches Au-Pair in ihre Wohnung holen.
Allen voran in Gesprächen zwischen der Gastmutter und mir kommt zudem zum Ausdruck wie viel auch ihr daran gelegen ist, das beste für ihre Kinder zu tun. Doch dafür gibt es einfach kein Geheimrezept. Es hängt vollkommen von den Persönlichkeiten, den Talenten und Stärken, den umgebenden Einflüssen… ab. Jedes Kind ist letztendlich individuell.
Zudem werden Kinder noch mehr als in Deutschland zu Angebezwecken missbraucht. Wie ich in diesem Artikel ausführlich erläutere, sind die Chinesen besonders darauf bedacht, nach außen hin schön, rein, problemfrei und reich zu wirken. Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Kinder. Gute Schulnoten sowie musikalisches Talent wird natürlich allen Bekannten eröffnet, jede neue Querflötennote wird aufgenommen und das Video wird herumgeschickt. Auch mir schickt die Mutter ab und an Textnachrichten, auf denen vermerkt ist, dass eine ihrer Töchter in einem Englischexamen die beste Note erreicht hat, oder das Foto eines gemalten Bildes, auf das die Mutter besonders stolz ist.
In wie fern das Klischee der Tigermutter zutrifft, die ihr Kind zu allem zwingt und dafür verantwortlich ist, dass dieses nur vier Stunden lang schläft und den Rest des Tages mit Lernen verbringt, sei dahingestellt. Dazu auch in diesem Artikel LINK mehr.
Interessant ist zudem, dass auch hier in China das „Pubertätsalter“ wohlbekannt ist. Scheinbar gibt es selbst hier in China eine Phase, in der die Kinder doch nicht 100% von ihren Eltern übernehmen und deren Entscheidungen nicht ungefragt akzeptieren.

 

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