Von Promillebrillen bis hin zur Legalisierungsforderung von Cannabis – die aktuelle Drogensituation in Deutschland

Für alle die kein Französisch können, hier eine kurze Erläuterung: in dem kurzen Ausschnitt eines Radiobeitrags unseres Kooperationssenders in Garango, Burkina Faso geht es in diesem Monat um das Thema Drogen. Vor Ort scheint es dringend notwendig zu sein, die Hörer über die schädlichen Folgen des Drogenkonsums zu informieren und so haben wir uns dazu entschlossen, in der zweiten Sendung unserer Afrikakooperationsreihe auch über dieses Thema zu berichten- und zwar in Bezug auf Deutschland.

Einer meiner Klassenkameraden eiert von rechts nach links und macht so ziemlich alles, außer der auf dem Boden zu sehenden geraden Linie zu folgen. Er trägt die „Promilleprille“ und alle um ihn Herumstehenden können sich prächtig über das Spektakel amüsieren. Wir, das heißt alle Schüler meiner Klassenstufe, befinden uns gerade im SRH Klinikum Langensteinbach. Am heutigen Tag wird uns nicht nur mithilfe der beschriebenen Brille die Situation nach einem erhöhten Alkoholkonsum simuliert, sodass wir am eigenen Leib spüren können, warum man in diesem Zustand weder Fahrrad- noch Autolenker anpacken sollte, sondern wir führen auch ein Gespräch mit einem von LSD abhängigen Patienten, der sich in diesem Klinikum in Behandlung befindet. Das Programm, in dem das Klinikum mit meinem Gymnasium kooperiert nennt sich SODA und dient der Suchtprävention. Jeder in der neunten Klasse verbringt in diesem Rahmen einen Vormittag im Klinikum.
Derartige Aktionen und Informationsveranstaltungen habe ich während meiner Schulzeit tatsächlich nicht nur in der 9.Klasse miterlebt. Ein Jahr zuvor waren wir bereits in ein anderes Krankenhaus in Rüppur gefahren und hatten dort alles über die Wirkung von Drogen und deren Gefahren gelernt, sowie die Möglichkeit gehabt, an einen Raucher Fragen zu stellen, der als Nachwirkung seines Zigarettenkonsums den Kehlkopf herausoperiert bekommen musste. Auch im Biologieunterricht galt es gleich mehrmals während meiner Schullaufbahn, Drogenaufgaben in Klassenarbeiten zu bearbeiten, was bis in der 12. Klasse Biologieleistungskurs dann im Auswendiglernen der genauen Mechanismen gipfelte, die innerhalb unserer Zellen durch Drogen ausgelöst, oder blockiert werden. Wir wurden also wirklich ausreichend vor dem Konsum von Zigaretten, Alkohol und illegalen Drogen gewarnt – doch brachten diese präventiven Maßnahmen etwas? Sicher gab es Vielen zu denken, aber auch in meiner Stufe gab es ausreichend Jugendliche, die es mit dem Rauchen oder dem Konsum anderer Drogen doch etwas übertrieben. Aber wie sieht das in Gesamtdeutschland aus?
Um darüber ausführliche Auskunft zu erhalten, lässt sich am besten der am jährlich im Dezember veröffentlichte “Bericht der Drogensituation in Deutschland“ heranziehen, der die Situation der legalen wie illegalen Drogen in Deutschland zusammenfasst.
Hier lassen sich erschreckende, wie auch erstaunlich positive Entwicklungen finden. So kann beispielsweise nachgelesen werden, dass die Anzahl der Drogentoten seit 2012 kontinuierlich ansteigt. Im Jahr 2016 waren es 1.333 Menschen, die alleine am Konsum illegaler Drogen starben.
Doch was hängt alles mit diesem Thema zusammen? Schließlich müssen Konsumenten die Stoffe zunächst erwerben und werden bei aktiver Bereitschaft auch behandelt, wenn sie bereits abhängig geworden sind. Aufgrund dieser Vielschichtigkeit, setzt sich die nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik in Deutschland aus vier Säulen zusammen: (a) Prävention, (b) Beratung und Behandlung, Hilfe zum Ausstieg, (c) Maßnahmen zur Schadensreduzierung und (d) Repression.
Unter die insgesamt 34.000 Präventionsmaßnahmen, in denen vor allem über die Folgen von Alkohol-, Zigaretten- und Cannabiskonsum informiert wird, fallen auch die Aktionen, die an meiner Schule durchgeführt wurden. Viele Experten sprechen davon, dass diese in keinem Fall ausreichend seien und sehen in der gesamten deutschen Drogenpolitik einen Reformbedarf: Besonders fragwürdig ist dabei der Umgang mit unseren sogenannten Volksdrogen, dem Alkohol und dem Tabak. Warum sind gerade diese, nicht minder als viele andere illegale Drogen, schädlichen Stoffe erlaubt? Und warum darf immer noch für Zigaretten großplakative Werbung betrieben werden? Dabei würde es sich bei einem Werbeverbot der Tabakplakate lediglich um die Umsetzung einer EU-Regelung handeln. Deutschland ist tatsächlich das einzige EU Land, das dieser bisher noch nicht Folge geleistet hat. Viele Zigarettenwerbegegner argumentieren, dass die Plakate ein cooles Lebensgefühl vermitteln und die Ideale Freiheit und Sorgenlosigkeit ausdrückten, wodurch besonders Jugendliche zum Konsum verführt würden. Ist die Tabaklobby einfach zu stark, sodass diese Aspekte seit Jahren überhört werden?

Das Nichts-tun der Politik wird nicht selten angeprangert. Wenn man auch zustimmen muss, dass es immer noch viel zu viele offene Fragen gibt und die deutsche Drogenpolitik ein hohes Verbesserungspotential aufweist, so müssen auch die Dinge erwähnt werden, die sich innerhalb der vergangenen Jahre verändert haben: Im März 2017 ist das Gesetz „Cannabis als Medizin“ in Kraft getreten, das den Einsatz von Cannabisarzneimitteln für Patientinnen und Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen regelt. Cannabis kann auf Grundlage dieses neuen Gesetzes inzwischen auch in Form getrockneter Blüten verschrieben werden und die Kosten einer Behandlung werden auf Antrag von den Krankenkassen übernommen. Doch Vielen geht das nicht weit genug.
Schwierig ist auch die Aufteilung der Kompetenzen unter Bund, Ländern und Kommunen. Während all diese Ebenen an der Spitze von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung koordiniert werden, hängt es beispielsweise von den Kommunen ab, welche Behandlung und Betreuung Drogenabhängige erhalten. Das übergeordnete Ziel jedoch ist überall dasselbe: Der Patient soll zurück zu einer sozialen, gesellschaftlichen und beruflichen Teilhabe geführt werden. Jedes Jahr befinden sich in diesem Zuge eine halbe Millionen Suchtkranke in ambulanten Beratungs- und Therapiezentren, während knapp eine weitere halbe Millionen in stationären Fachkliniken und Suchtkrankenhäusern therapiert werden. Neben vielen Therapieformen ist die Möglichkeit der Substitution mit anderen Stoffen eine entscheidende Hilfe.
Doch um Drogen konsumieren zu können, müssen diese erst einmal in die eigenen Hände geraten. Während der bloße Konsum von Betäubungsmitteln in Deutschland nicht unter Strafe steht, sind ihr Erwerb und Besitz prinzipiell strafbar. Wird man also beim Kauf derartiger Stoffe erwischt, so hat man mit Folgen zu rechnen. Dokumentierte Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz verzeichnen seit 2012 tatsächlich einen stetigen Anstieg. Ob das nun an einem höheren Gesamtkonsum liegt oder an einer besseren Arbeit unserer Polizei, ist fraglich. Bestraft werden Betroffene meist mit einer Geldstrafe.
Bei größeren Mengen reicht diese „milde“ Strafe aber nicht aus. So konnten 2016 auf deutschem Boden gleich mehrere große Mengen Extasy auf dem Weg von den Niederlanden in die Türkei gesichert werden. Aufgrund dieser Entdeckungen wird davon ausgegangen, dass Deutschland als Transitland für diese Droge genutzt wird.
Eine der guten Nachrichten: Im Straßenverkehr spielen Drogen kaum eine Rolle. An lediglich 0,59 % aller Unfälle mit Personenschäden sind Drogen im Spiel. Da scheint die Fahrrad- und Autobenutzungswarnung, die damals in der 9.Klasse nach Aufziehen der Promillebrille ausgesprochen wurde, wohl ihre Wirkung zu zeigen.
Doch wie sieht es mit der Verteilung innerhalb des Drogenkonsums aus? Welche Stoffe sind die beliebtesten?
Sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen nimmt Cannabis unter den illegalen Drogen die prominenteste Rolle ein. Über die vergangenen Jahre hat sich hierbei ein wellenförmiger Verlauf mit zunehmender Tendenz beobachten lassen. Demgegenüber hat die Bedeutung von Heroin abgenommen. Eine weitere positive Feststellung: ehemals Abhänge leben aufgrund der Behandlungen und medizinischen Versorgungen inzwischen deutlich länger und besser.
Mehr als jeder vierte Deutsche macht mindestens einmal im Leben Erfahrung mit illegalen Drogen. Doch nahezu ausnahmslos jeder von uns kommt nicht nur einmal in den Kontakt mit Tabak und Alkohol – unsere bereits angesprochenen Volksdrogen. An den 121.000 Menschen, die jährlich an den Folgen des Rauchens sterben, stört sich scheinbar niemand – dabei würde man die Lebensqualität und Lebensdauer von vielmehr Deutschen erhöhen, wenn man sich eher auf diese anstelle rein auf die illegalen Drogen konzentrieren würde. Immerhin sind die bereits vorhandenen Verbote des Rauchens in Restaurants, Zügen und Flugzeugen bereits ein Fortschritt. Was unsere Elterngeneration noch an Passivrauchen erleben musste, bleibt uns heute zum Glück erspart.
Eine kurze internationale Weltneuheit zum Schluss: 2014 startete die Einführung eines neuen Tabakprodukts: die sogenannte iquos wurde zum ersten Mal in Japan in Geschäften angeboten. Diese Art Zigarette, mit der der Marlboro-Chef sehr betont, gerade eine zigarettenfreie Zukunft einläuten möchte, beruht auf dem „Heat not burn“ Prinzip. Der Tabak in Form einer Art Miniaturzigarette, der in das elektrisch betriebene Gerät eingebaut wird, wird dabei erhitzt, anstatt verbrannt. Durch diese Technologie wird die Gesundheitsschädlichkeit des Tabaks laut Hersteller deutlich reduziert, während die Rauchererfahrung wohl ähnlich befriedigend sei, wie beim „Originalrauchen“. Nach der Entwicklung der E-Zigaretten soll diese Innovation nun zum Umsteigen vieler Raucher auf ein gesundheitlich weniger schädliches Produkt führen. Abwarten, wie sich iquos wohl innerhalb der kommenden Jahre am Markt entwickeln wird.

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