Von Schwarzwälderkirschtorte bis hin zum Aufbau des deutschen Schulsystems – mein Vortrag in einer chinesischen Schulklasse

„Oahhh!“ Es geht ein lautes Raunen durch die Klasse. Viele der Achtjährigen stützen sich mit ihren Ellenbögen auf den Tischen ab und beugen sich nach vorne, sodass sie noch mehr sehen können. Ich laufe gerade im Handstand ein wenig vor- und rückwärts. Aber – warum turne ich einer Schulklasse an einer chinesischen Grundschule etwas vor?

Wie bereits in anderen Artikeln angekündigt wurde ich gleich kurz nach meiner Einreise darum gebeten, eine Präsentation über Deutschland im Unterricht der beiden Gastmädchen zu halten. Ich musste nicht lange überlegen, bevor ich Ja sagte, denn auch für mich würde es interessant werden, vor 45 chinesischen Schülerinnen und Schülern zu stehen. Und da ich mich nicht in den Unterricht mit hineinsetzen darf, um den chinesischen Schulalltag mitzuerleben, was ich noch interessanter fände, ist dies schließlich die einzige Möglichkeit, eine chinesische Schule auch einmal von innen zu Gesicht zu bekommen.

An diesem Freitag ist es soweit. Am Nachmittag begebe ich mich gemeinsam mit meiner Gastmutter, die als Übersetzerin mitkommt, auf den Weg zum Schulgebäude. Zum ersten Mal darf ich das schwarze hohe Schultor, vor dem ich sonst immer auf Judy warte, endlich auch einmal passieren.

Schon auf der Treppe kommen mir einige in der Gegend herumhüpfende oder auf die Toilette rennende Kinder entgegen. Es ist aktuell Pause und ich muss mich noch ein wenig gedulden, bis ich in das Zimmer eintreten kann.

„This is Lilith. She comes from Germany” Nervös steht Judy an der anderen Seite des Smartboards vor ihrer Klasse. Sie als meine Gastschwester soll mich ihren Mitschülern einführend vorstellen. „My Chinese name“ flüstere ich ihr zu, als sie nicht mehr weiß, was sie sagen kann. Sie nickt mir dankend zu, bevor sie sich wieder an die brav in ihren Reihen sitzenden Schüler wendet „Her chinese name is linyayin!“

Nachdem sie sich wieder an ihren Platz begeben hat, beginne ich mit meinem Vortrag. Angefangen mit dem Bild einer Weltkugel zum Zeigen wo Europa und wo Deutschland liegt, hangle ich mich über das Aussehen deutscher Städte und Dörfer, Hobbies, die Deutsche besonders gerne machen und Freizeitaktivitäten von Kindern in Deutschland von Thema zu Thema. Auch das Erläutern des deutschen Schulsystems darf nicht fehlen und einige Folien zu deutschen modernen Unterrichtspraktiken. Um diese werde ich ganz besonders gebeten. „Es handelt sich hier um eine ganz moderne Schule!“ wurde von meiner Gastmutter mehrmals betont. In weiteren Gesprächen erfuhr ich, dass hier im Unterricht also nicht mehr nur das sturre Auswendiglernen an der Tagesordnung stünde und die Lehrer wie auch Eltern an neuen Konzepten und Bildungsstrategien aus dem Westen interessiert seien.

Besonders bei den Fotos deutscher Speisen und dem Ausspracheversuch von „Schwarzwälder Kirschtorte“ geht ein Gelächter durch die Klasse. Insgesamt erscheinen mir die Kinder ohnehin sehr aufgeweckt. Sie sind nicht unhöflich, oder wild, dennoch habe ich nicht 45 schweigende und überdisziplinierte Schüler vor mir sitzen, wie es das stereotype Bild chinesischer Schulklassen vielleicht vorgeben würde. Die Kinder beginnen bei einigen Fotos auch miteinander zu reden und der Lärmpegel im Raum liegt nicht immer bei 0.

Als ich schließlich dazu übergehe, dass deutsche Kinder häufig ein Instrument lernen, oder in Sportvereinen einem Hobby nachgehen, muss ich natürlich auch etwas zeigen – und so wird mein Handstandauftritt zum Highlight der Vortragsstunde.

Durch den Lautsprecher ertönt auf einmal das mir bereits bekannte Lied – jeden Tag zu Schulende läuft derselbe Song. Auf Nachfrage erfahre ich, dass es sich dabei nicht um ein extra Schullied mit besonderem Inhalt handele und es jedes halbe Jahr gewechselt wird. Ich muss zugeben: eine recht nette Möglichkeit, den Unterricht zu beenden. Ich bin jedoch mit meinem Vortrag noch nicht ganz fertig und werde von der Lehrerin dazu ermutigt, die letzten Worte über die Musik hinwegzusprechen und dafür einfach meine Stimme ein wenig zu erheben.

Die Resonanz auf meinen Schulbesuch ist enorm. Innerhalb der nächsten Tage werde ich von meiner Gastmutter dazu aufgefordert, einen WeChat Text darüber zu schreiben, wie mir das Präsentieren vor der Klasse gefallen hat und welches Feedback ich an die Kinder geben kann. Zudem erhalte ich immer wieder über meine Gastmutter Privatnachrichten von Elternteilen, die sich bei mir bedanken, oder meiner Hostmum zu einem so tollen Au-Pair gratulieren. Ein Lächeln zaubert mir die Nachricht auf die Lippen, dass viele Kinder mit dem Wunsch nach Hause gekommen seien, jetzt eine Sportart regelmäßig ausführen zu wollen – abwarten, wie viele diesen Vorsatz in die Tat umsetzen. Andere Elternteile wollen mich unbedingt persönlich kennenlernen. Wer weiß. Vielleicht werde ich kommenden Monat auch noch einen Vortrag für Eltern halten.

Zur Anordnung und Ausstattung der Klassenzimmer muss ich sagen, dass ich es doch recht beeindruckend finde, dass die Hälfte der Wand hinter dem Lehrerpult ein Smartboard ist, die andere Hälfte eine normale Kreidetafel. Da es sich um eine betont ganz besondere und somit auch ganz besonders teure Schule handelt, wird dies nicht der allgemeine Standard in den chinesischen Schulen sein, aber immerhin. Zudem finde ich es nach meinen Erfahrungen an der Universität schon alleine beeindruckend, dass die Technik in diesem Raum funktioniert – denn an meiner Universität haben sie es seit Beginn dieses Semesters immer noch nicht geschafft, die Rechner im Computerraum zum Laufen zu bringen, sodass unsere Lehrer schon das ein oder andere Mal ihren Plan für die heutige Stunde spontan abändern mussten.

Wie erwartet wird mir zudem ein Mikrophon angeboten – dieses wird von den chinesischen Lehrern immer verwendet. Begründung: die großen Unterrichtsklassen von 45 Schülern – doch nachdem ich auch in meiner Universität Dozenten erlebe, die für fünf Lernende eine Mikrophonverstärkung nutzen, weiß ich, dass es auch damit zu tun hat, wie sehr sich Chinesen in diese Technik verliebt haben 😉

Zudem fällt mir auf, dass die Kinder in ihren Zweierbänken streng nach Geschlecht angeordnet sind: an jedem Tisch sitzen ein Junge und ein Mädchen. Dies ist doch sehr diszipliniert, und wurde während meiner Schulzeit stehts ausschließlich als Strafmaßnahme in die Tat umgesetzt.

 

Nächste Woche Freitag steht die Präsentation in der Klasse der älteren meiner beiden Gastschwestern an. Ich bin gespannt, wie ihre Mitschüler auf mich und meine Präsentation reagieren werden.

 

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