Von Steinmännern über Teegemälde bis hin zu Namensbüchern

„What is this?“ Mein Bekannter und ich stehen vor einer Art 3D Gemälde auf dem Pferde zu erkennen sind. Eine Dame, die am Tisch nebenan Tee serviert, kommt uns zu Hilfe „Zhe shi hongcha“ (Das ist schwarzer Tee). Ich stutze einen Moment lang, betrachte dann die Struktur und das Material jedoch genauer. Und tatsächlich. Dieses Kunstwerk ist rein aus schwarzen Teeblättern gefertigt. Beeindruckend.


Wir befinden uns gerade in einer Teetesthalle an einer ganz besonderen Touristenstätte: die neue Erlebnisattraktion der Terracottaarmee. Nach einer längeren Busfahrt und dem ausführlichen Betrachten der steinernen Soldaten, der Pferde und Kutschen sowie einer Sonderausstellung über die Vulkankatastrophe Vesuv haben wir uns nach einem kurzen Imbiss mit dem Taxi hierher begeben. Durch eine kleine abgedunkelte Höhle ging es auf ein offenes Gefährt. Mit diesem wurden alle Gäste durch eine Art „Geisterbahnanlage“ kutschiert, die uns eine erfundene Geschichte einer der Soldaten in der Terrracottaarmee erzählte. Mit allerlei Erschreckungsversuchen und 3D Effekten wurden wir durch Modelle des beeindruckenden Grabs geführt. Sowohl die Audioaufnahmen als auch die anschließenden Erzählungen einer Führerin, die uns zu Fuß durch weitere Ausstellungsräume begleitete, sind auf Chinesisch, sodass ich zugeben muss, nicht gerade viel verstanden zu haben. Nett gemacht ist es dennoch, wenn auch ein wenig sehr künstlich. Das ganze endet wie gesagt in einer „Teetesterei“. Im Museumsshop entdecken wir noch allerlei Namensbücher und suchen darin nach unseren Schriftzeichen.

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– Xi’an Wasser statt Skiwasser – ein typisches Getränk dieser Stadt, das ich heute probiere.
Ich sitze auf seinen Schultern und wie so oft kann ich es nur begrüßen, so klein und leicht zu sein. Von hier oben ergibt sich wirklich kein schlechter Blick auf das Spektakel. Vor mir auf dem weiten Platz vor der berühmten „Wild Goose Pagoda“ springt das Wasser kunstvoll hin und her, begleitet von Orchesterklang, der aus den umstehenden Lautsprechern schallt. „Wenn du es gesehen hast, weißt du, dass sich das Warten lohnt“, so die Worte meines Bekannten eine halbe Stunde zuvor. Um diese Uhrzeit war das Wasserspiel eigentlich angekündigt gewesen – trotzdem mussten wir uns gedulden. Insgesamt erinnert mich die Vorstellung ein wenig an die Lichtershow am Karlsruher Schloss.
Nach dem Schießen einiger Fotos geht es mit dem Taxi – wohin? Endlich zum Abendessen.in ein Restaurant, das bis auf die fehlenden Flügel vollständig als Flugzeug gestaltet ist. Die Angestellten sind als Flugbegleiter gekleidet, die Schilder sind mit „Cockpit“ und „Passagiertoilette“ gekennzeichnet. Ich werde an einen Tisch mit jungen Erwachsenen geführt. Allesamt ehemalige Mitschüler von Yangwei. Die Vorstellungsrunde wird recht amüsant, dann konzentrieren sich die meisten auf das Spiel zwischen Argentinien und Portugal, das am Bildschirm über der Theke läuft. Dabei verzehren die um den Tisch Herumsitzenden einen nach dem anderen Happen, den sie aus der scharfen oder wahlweise milden Hälfte des Hot-Pots ziehen, in dem in der Mitte des Tisches die Brühe brodelt. Besonders lecker: das Dressing, in das man die Gemüse- und Tofustückchen eintunken kann und das man sich an einer Art „Dressingtheke“ selbst zusammenstellen darf.
Nach Abpfiff des Spiels holen wir in einer Abendmission mein Gepäck , bevor ich in mein neues temporäres Reich geführt werde. Spontan wird irgendwo ein Bettlacken hervorgezaubert und es wird mir noch die Toilette gezeigt, bevor wir uns am frühen Morgen schlafen legen. Das einzige, was mir gleich ins Auge sticht: es stimmt wirklich, dass Chinesen sich nicht sehr um Sauberkeit kümmern. Natürlich sieht es auch in Deutschland nicht in jeder WG und nicht in jeder Wohnung eines Pärchens blitzeblank aus, aber dies ist nicht das erste Mal, dass ich eine Wohnung in China betrete und jedes Mal hatte ich den Eindruck, dass die entsprechenden Bewohner nicht viel ums Putzen geben. Nun ja – vielleicht liegt das an der mangelnden Akzeptanz von Staubsaugern.

Tag 3
Den nächsten Tag gestalte ich alleine. Das stellte sich im Nachhinein als besonders gute Idee heraus, da, wie ich am Abend erfahre, mein Gastgeber bis um 16 Uhr ausgeschlafen hat. Mit ihm hätte sich heute also keine interessante Erkundungstour ergeben.
Ich befinde mich hingegen ab 8 Uhr auf den Straßen Xi’ans und verzweifle zunächst daran, eine Bushaltestelle zu finden, an der die Linie abfährt, die ich benötige. Schließlich komme ich an eine Subway-Station. Auch gut, denn U-Bahn bevorzuge ich ohnehin aufgrund der Übersichtlichkeit und den hilfreichen Anzeigen der nächsten Stationen in den einzelnen Wagons. Eine kurze WeChat Nachricht an meine am Freitag neugewonnene Freundin, zu der ich mich gerade auf dem Weg befinde, und schon ist meine „wahllos und unwissend herumlaufend“ Periode des heutigen Tages vorüber.
Nach einem Straßenfrühstückseinkauf durch den ich zum ersten Mal „Zhou“ (ein Brei mit Bohnen und Reis) aus dem Plastikbecher schlürfe, sowie „Tiangua“ (Süßmelone) koste, erlebe ich das Wohnen in einem Dormetory hautnah. Zwar hatte ich bereits die Doppelschlafräume an meiner Schule zu Gesicht bekommen, aber als mich meine Freundin in das kleine Zimmer mit drei Hochbetten führt, bin ich doch baff. Hier könnte ich vielleicht einen Monat aber nicht drei Jahre lang verbringen. Selbst wenn die Chinesen behaupten, sie wollen es genau so und nicht anders, da sie einfach kulturell viel geselliger seien, kann ich mir gemütlicheres für mein Studium vorstellen: Neben den drei Betten, die ohnehin kaum mehr Platz lassen, ist alles vollgestellt mit Büchern, Kleidung, Shampoo… Selbst einige der Betten sind gefüllt, sodass noch gerade so Platz für eine Person zum Schlafen bleibt. Natürlich muss man nicht so unordentlich sein, aber – was soll man auch machen, wenn der geteilte Raum sogar für einen Schrank zu klein ist. Ich schließe meine Augen und versuche mir vorzustellen, hier zu leben. Mir gelingt es nicht. Aber als ich Yangwei am Abend auf das Studentenleben anspreche, antwortet er nur: eine super Zeit. Mit seinen fünf Mitbewohnern habe er sich klasse verstanden. Nun gut. Ich wurde ja schon früh davor gewarnt, dass Privatsphäre für Chinesen ein Fremdwort ist.

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Nach der Zimmerbestaunung schaue ich mich ein wenig auf dem Unigelände um, bevor mein Tanztag beginnt. Mit dem Unterrichten eines Jazzdances fängt Lia Kim an, bis wir gegen 15:30 Uhr Hunger verspüren und ich beim Mittagessen die Gelegenheit erhalte, die für Xi’an typischen Liang pi zu kosten. Bei diesem Gericht handelt es sich um eine besondere Art wirklich sehr leckerer kalter Nudeln. Eine Schüssel liangpi wird in Xi’an typischerweise zusammen mit einem gemüsegefüllten Teigfladen und einem Getränk als Mittagsmenü serviert.


Danach geht es mit dem Tanzunterricht weiter. Jetzt lerne ich eine Hip-Hop Choreografie, bevor ich nach einer etwas abenteuerreichen Busfahrt, die ich trotz Umsteigen einwandfrei meistere, wieder auf den inzwischen ausgeschlafenen Yangwei treffe. Mit ihm gemeinsam werde ich heute Abend noch Step-Aerobik und Gewichtheben anbieten und dabei neben den Räumlichkeiten eines neuen Gyms auch neue Teilnehmer kennenlernen.
Auf dem Nachhauseweg müssen wir eine Ewigkeit nach Fahrrädern Ausschau halten. Über eine App kann man diese überall an den Straßenrändern stehenden Gefährte aufschließen – und darf sie dann tatsächlich überall wieder abstellen wo man möchte. Sogar vor der eigenen Haustür. Leider hat es in letzter Zeit wohl niemanden per Fahrrad in das Gebiet verschlagen, in dem wir momentan sind , sodass wir die Hälfte des Weges nebeneinander im Dunkeln herlaufen, ein Viertel der Strecke ein Fahrrad schieben und weiterlaufen und für das restliche Viertel dann doch noch beide ein zweirädriges Transportmittel nutzen können. Am Abend ergeben sich dann trotz später Stunde noch witzige Gespräche beim gemeinsamen Kleiderwaschen – denn scheinbar nutzen viele Chinesen nicht nur für Unterwäsche die Handwäsche, sondern auch für normale Kleidung. Ähnlich wie bei Staubsaugern und Spülmaschinen scheint ihnen noch das Vertrauen in Waschmaschinen zu fehlen. Das Waschen übernimmt zwar tatsächlich Yangwei, was ich für die weibliche Emanzipation und somit einer Aufteilung der Hausarbeit sehr begrüßen kann, trotzdem habe ich an diesem Abend zum ersten Mal Gelegenheit dazu, seine Freundin kennenzulernen, mit der sich an diesem sowie an den kommenden Abenden noch interessante Englisch-Chinesische Gespräche ergeben werden.

Tag 4
Die Planlosigkeit der Chinesen überfällt uns an diesem Tag aufs Neue. Yangwei hat bis zum Abend zwar Zeit, weiß aber nicht, was er mir zeigen möchte. Schon beim ersten Schritt aus dem Haus sind wir aber, ganz egal, was wir heute sehen werden, glücklich – denn wir beide lieben Regenwetter und somit sind wir von den dicken Tropfen kein bisschen genervt. Auch die Temperaturen sind gefallen. Alles in allem also sehr angenehm.
Spontan fahren wir mit der Bahn zum Bell Tower und durchlaufen die „Essensstraße“. Allerlei Leckereien von typisch Chinesisch bis hin zu Muslimisch (Xi’an ist für die große muslimische Community bekannt) fallen mir dabei ins Auge, ich probiere dann aber nur ein Gericht: Reis mit Datteln und roten Bohnen. Von dieser Spezialität Xi’ans habe ich schließlich zuvor schon mehrmals gelesen.

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Nun gibt es schon wieder keinen Plan, und Yangwei erklärt mir überflüssigerweise, dass er es allgemein hasst, zu planen und sich lieber davon überraschen lassen möchte, was der nächste Tag mit sich bringt. Er ist also noch deutlich extremer als der Durchschnittschinese: meine bisherigen chinesischen Bekanntschaften weisen zwar ganz dem chinesischen Stereotyp entsprechend alle eine gewisse Tendenz zur Unpünktlichkeit sowie dem spontanen Verschieben oder Vergessen vereinbarter Termine auf, sind aber bei weitem nicht so spontan wie er.
Wir schlendern nun durch eine der bekanntesten Shoppingstraßen, wie mir mein privater Touristguide erklärt und spielen dort vor einem Laden mit Sonderaktion eine Runde Dart.
Ich genieße beim vielen Herumlaufen durch den Regen die frische Xi’aner Luft und immer wieder stoßen wir auf interessante Gesprächsthemen, oder stimmen chinesische wie englische Lieder an. Ich habe mich inzwischen mit mir selbst auf das Ziel dieses „Urlaubs“ geeinigt: das Leben eines chinesischen Fitnessgruppentrainers miterleben, nebenher möglichst viel Mandarin lernen, neue Freundschaften schließen, so viel Sport wie möglich treiben dabei besonders viel Neues lernen und: die Kultur und Geschichte Xi’ans und Chinas näher unter die Lupe nehmen. Die Radtour zu einem neuen Gym wird nun doch etwas sehr nass. Während Yangwei das Kunststück wagt, mit einer Hand den Regenschirm zu halten, reicht es mir meinen Regenmantel zuzuknöpfen und die übergroße Kapuze überzuziehen. Meine Hose sowie die Wechselklamotten, die eigentlich für nach dem Sport gedacht waren, werden selbst trotz Rucksackregencape nass.
An das späte „Abend- bzw. Nachtessen“ in Yangweis Alltag habe ich mich inzwischen gewöhnt und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, als wir an diesem Abend einen anderen Ausgang aus der Subway wählen und uns an einem Stand Nudel- und Reispfannen einpacken lassen. Dabei entdecke ich eine Nudelsorte, die mich vom Geschmack her an Spätzle erinnert. Gebraten mit Gemüse wirklich super lecker. Während ich dies feststelle, sitze ich in Yangweis Wohnung auf dem Sofa, seine Freundin mir schräg gegenüber und wir unterhalten uns über alles Mögliche. Nach einer Weile Gerede in der Dreierrunde zieht sich Yangwei aufgrund seiner Fußballbegeisterung vor sein Smartphone zurück, während wir uns zu zweit weiter austauschen und uns gegenseitig Fotos zeigen. Super Gelegenheit um meine Chinesischkenntnisse einmal wieder aufs Neue auf die Probe zu stellen.

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