Von tanzenden Wasserfontänen über beeindruckende Riesengräber – meine neun Tage in Xi’an I

“Can I help you?” ich wende meinen Blick über meine rechte Schulter an meiner übergroßen Tragetasche vorbei und richte ihn auf den jungen Mann, der mit einem kleinen Koffer und seinem Handy in der Hand im Strom all der Menschen neben mir läuft. Er wirkt, als habe er gerade unter dem Aufbringen all seiner Energie neben dem Mithalten meines schnellen Schritttempos her auf seinem Handy in einer Übersetzungs-App nach genau diesem einen Satz gesucht und ist  dementsprechend enttäuscht, als ich ihm mit einem Chinesischen „Nein, danke“ antworte. So schwer ist mein Koffer nun auch nicht – und irgendwie habe ich das Gefühl diesen Urlaub von Anfang an alleine bestreiten zu müssen. Zudem habe ich heute noch keinen Sport gemacht. Nun ja, vielleicht hätte sich ein ganz nettes Gespräch entwickelt, aber- dazu werden sich sicher noch einige Gelegenheiten bieten. Dennoch freue ich mich immer darüber, auf hilfsbereite Menschen zu treffen und setze meinen Weg mit einem Lächeln fort. Die Zugfahrt beginnt abgesehen von der Hitze an diesem Abend doch recht gut. Und diese werde ich ab dem Betreten des Wagons auch loswerden. Ich muss jetzt erst einmal komplett ans andere Ende des Zuges und bin stolz auf mich, als ich vom Schaffner an der ersten Tür an der ich anfrage tatsächlich hineingelassen werde, was bestätigt, dass ich schon einmal das Ticket richtig verstanden habe. Denn hier in China ist Zugfahren wirklich ganz anders als ich es durch meine Erfahrungen von Reisen innerhalb Europas kenne – aber beginnen wir von vorne:

Da mir meine Universität nicht das notwendige Dokument ausstellen wollte, konnte ich keine weitere Einreise ins Reich der Mitte beantragen und wäre somit – wäre ich dem Angebot meiner Gastfamilie gefolgt und mit ihnen nach Australien mitgereist –  außerhalb Chinas festgesessen. Mein Alternativplan führte mich nach Xi’an. Dort scheint samt Sportuni und zahlreichen Fitnessstudios eines der Sportausbilderzentren zu sein, sodass einige der Trainer dort wohnen, die in meinem Gym die Traineranwerter coachen, sodass mein Bekanntenkreis in Xi’an inzwischen genauso groß ist, wie in Congqing – bereits ohne jemals dort gewesen zu sein. Zudem gilt Xi’an als eine schöne Stadt und als sehr reich an Geschichte und Kultur. Daher heißt es: auf in eine Abwechslung von Chongqing!

Zugfahren in China – ein Erlebnis für sich

Die Zugfahrt konnte ich problemlos über eine App einer meiner chinesischen Freunde buchen. Vor meiner Ankunft am Bahnhof habe ich nun aber doch etwas weiche Knie, weil ich keine Ahnung habe, wie genau ich an das physische Ticket gelangen soll. Mein erster Fehler: Ich werde von meinem Gastvater, der mich netterweise auf den Parkplatz vor meinem Abfahrtsbahnhof führt, die Treppe zum Eingang hochgelotst, wo mir dann aber erst einmal klar gemacht wurde, dass ich nur mit gültigem Ticket hineinkomme. Nach einigem Umschauen dauert es jedoch nicht lange, bis ich die Ticketschalter entdecke. Es heißt also: noch einmal runter. Nach einer flüchtigen Betrachtung der Selbstbedienungsgeräte, an denen ich aufgrund einem Wirwarr an „Hanzi“, den chinesischen Schriftzeichen, überhaupt nichts verstehe, bewege ich mich auf einen Schalter zu und reiche Passport samt meines Handys mit der geöffneten Buchungsbestätigung der Dame mir gegenüber. Nach einiger Verwirrung wo auf dem Reisepass denn nun meine Passportnummer steht (die chinesischen Dokumente sehen ganz anders aus und haben keine Buchstaben in ihren Nummern), überreicht sie mir lächelnd das Ticket. Der erste Fuß ist damit schon auf Xi’anner Boden gesetzt. Nun lässt mich, die zuvor abweisende Dame treppaufwärts auch hindurch und ich darf die Sicherheitskontrolle passieren. So langsam wird mir klar, warum wir schon um 19 Uhr losgefahren sind, obwohl die Abfahrtszeit meines Zuges für 21:30 Uhr geplant ist.

Mein Koffer wirkt scheinbar verdächtig. Ich habe keine Ahnung wo ich beim Packen was hineingeworfen habe, sodass ich nun meine Tasche halb ausräume, bis sich die Angestellte mit meinem Anti-Insektenspray zufrieden gibt. Zunächst möchte sie es mir abnehmen, dann aber fällt ihr ins Auge, dass das Spray gar nicht mehr voll ist und somit die 100ml Grenze unterschreitet. Mir wird es also wieder ausgehändigt – unnötige Suchaktion, aber so ist eben die chinesische Sicherheit. Nun heißt es: warten. Ich blicke mich um und nachdem ich die Leuchttafeln am anderen Ende des Warteraumes entdecke, von der eine meine Zugdaten anzeigt, kann ich mich während dieser Zeit entspannen.

Eine halbe Stunde vor Abfahrtszeitpunkt beginnt das „Boarding“. Es bildet sich eine lange Schlange und wir müssen unsere Tickets zeigen. Erst als ich diese weitere Kontrollgrenze hinter mir habe, schaue ich zum ersten Mal genauer auf den kleinen Zettel in meiner Hand. Wie es aussieht muss ich einmal ans komplett andere Ende des Zuges laufen. Vielleicht liegt das ja am günstigen Preis. Erst jetzt wird mir klar, dass die Auswahl des Tickets nicht nur über die Kosten und den Komfort, sondern auch die Mitfahrer entscheidet. Die billigste Option, die ich gewählt habe, wird sicherlich von Studierenden oder nicht gerade wohlhabenden Familien ausgesucht. Während ich an den anderen Wagons vorbeilaufe, entdecke ich Schlafwagen ebenso wie einen Essensbereich. Meinen Platz finde ich nach dem Hineinhieven meines Koffers ins Innere des Zuges recht schnell. Nicht wirklich spektakulär, was mir aber als erstes auffällt: Die Sitze sind wirklich schmaler als in deutschen Zügen.

Das beste am chinesischen Zugsystem ist jedoch, dass die Ticketpreise feststehen und es kein ungeschriebenes „je kurzfristiger desto teurer“ Gesetz gibt, so wie das bei der Deutschen Bahn der Fall ist. Das einzige was passieren kann, ist, dass ein gewünschter Zug ausgebucht ist. Ansonsten ist es aber recht entspannt – und man kann sogar noch bis drei Tage vor Reiseantritt das Ticket kostenfrei zurückgeben.

Wie erwartet dauert es nicht lange, bis ich wieder angesprochen werde. Woher ich denn komme, wie alt ich sei, warum ich von Chongqing nach Xi’an führe… doch die Fragerei durch die ich mit meinen Bruchstücken Chinesisch zufriedenstellend hindurchkomme, endet bald, als mich der Schaffner bittet, ihm zu folgen. Es stellt sich nun als gar nicht so schlecht heraus, dass ich mich im Endwagen des Zuges befinde, denn hier ist scheinbar auch der Bürobereich der Angestellten – und diesem wiederum ist eine Doppelsitzbank vorgelagert. Er bietet mir an, diese gegen meinen Einzelsitzplatz einzutauschen und angesichts der Tatsache, dass ich bis Morgenfrüh durchfahren werde, nehme ich das Angebot freudig an und mache mich gleich auf, meinen Koffer wieder aus der Ablage über meinem alten Platz zu hieven. Die dort Sitzenden sind zwar sichtlich enttäuscht, dass ich schon wieder gehe, helfen mir aber dennoch, den Koffer umzulagern.

Zwischenfazit: Als Ausländerin muss man echt keinen teuren Sitzplatz buchen – man wird ganz automatisch bei Zugeintritt ohne Zusatzkosten upgegradet.

Wacklig durch chinesisches Land

Die Zugfahrt verläuft recht angenehm. Tatsächlich wackelt es,wie es mir auch in chinesischen Bussen schon aufgefallen ist, deutlich mehr hin und her als das in deutschen vergleichbaren öffentlichen Transportsystemen der Fall ist. Aber – ich habe schließlich auch keinen supermodernen HighSpeed Train gebucht. Dort sind die Sitze angeblich größer, die Fahrt hätte nur vier Stunden gedauert und das Gewackel wäre angesichts der hohen Geschwindigkeiten gar  nicht möglich gewesen.

Was auch neu ist: Während des Einsteigevorgangs und der Vorbereitungen des Zuges zur Abfahrt erklingt über die Lautsprecher chinesische Musik – und das ziemlich laut. Meine Hoffnung, dass diese für die Nacht ausgeschaltet wird, erfüllt sich zum Glück, sodass mich wenigstens kein andauernder Lärmpegel am Schlafen hindert. Das einzige Laute von dem ich von Zeit zu Zeit aufwache: das Türknallen. Ich hatte keine Vorstellung davon wie häufig Chinesen in der Nacht auf Toilette oder zum Rauchen in den Zwischenzugbereich laufen müssen. Letzteres ist ohnehin ein Thema für sich und bei dem immer intensiver werdenden Zigarettengestank bin  ich umso erleichterter darüber, dass in Deutschland das Rauchen an vielen Orten inzwischen weit eingeschränkt ist.

Ich lese ein wenig, lerne Chinesisch und werde dabei von dem hilfsbereiten Schaffner ab und an angesprochen, bekomme vom „Zugservice“ die mit einem Essenwagon durch die Gänge läuft und überteuerte Kleinigkeiten verkauft, eine kleine Plastikverpackung mit zwei getrockneten Pflaumen geschenkt und werde immer wieder von einem Mann angesprochen, der mir stolz einen kanadischen Freund zeigt und versucht, mit mir zu kommunizieren. Noch mehr Chinesen kommen an meinen Doppelsitz, stellen sich auf die andere Seite und blicken über die halbhohe Wand, die den Sitz von der Treppe abtrennt auf mich hinunter. Sie trauen sich nicht, etwas zu sagen und geben sich mit dem reinen Betrachten einer Deutschen zufrieden. Auch wenn ich mich ein bisschen wie ein Zootier fühle, störe ich mich nicht sonderlich daran. Zudem kommen zwei Polizisten an mir vorbei, die mir zunächst keine weitere Beachtung schenken. Nach einigen Minuten kehrt jedoch einer von ihnen zu mir zurück und weist mich darauf hin, dass ich auf mein Gepäck achten soll. Meine Reisetasche befindet sich inzwischen zu meinen Füßen vor dem Sitz, sodass ein Dieb es erst einmal schaffen müsste, unbemerkt meine Beine zur Seite zu schieben. Auch die Klimaanlage ist weder ganz so laut noch ganz so kalt wie ich es befürchtet hatte, sodass ich es schaffe, nach einem durchwackelten Schlaf mehr oder weniger fit in Xi’an anzukommen. Aufgewacht bin ich tatsächlich von etwas, was ich aus deutschen Zügen nicht gewohnt bin: Suppengeruch. Es gibt hier scheinbar einen Heißwasserspender im Zug, sodass sich nicht wenige der Fahrtgäste eine Fertigsuppe mitgebracht haben und sich diese zum Frühstück aufgießen.

Nach der spannenden Zugfahrt kann ich nun zum ersen Mal Xian sichten. Meine ersten Eindrücke habe ich in Teil II meiner neuntägigen Reise festgehalten.

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