Von Touristen- und Autostaus – vier Tage Sightseeing in Chongqing

 

Ich bleibe kurz stehen und blicke mich um. O.k. meine Gastmutter steht an dem Stand dort drüben und verhandelt und meine Eltern kosten gerade eine der Chongqinger Leckereien, die ihnen von einer Verkäuferin aufgedrängt werden. Also haben wir noch niemanden verloren. Gut. Denn das ist in all diesem Gewusel hier gar nicht so einfach. Wir befinden uns an diesem Vormittag im „kleinen Chongqing“ Straßen über Straßen, die an alte Chinesische Gassen erinnern, ab und an eine Statue oder ein kleiner Tempel, die wir begutachten. Ansonsten zwängen wir uns durch die Massen an chinesischen Touristen hindurch und bestaunen die Vielfalt an Angeboten in den Geschäften rechts und links der Straße. Von Touristenschnickschnack wie Fächer und Postkarten über traditionelle Gewänder bis hin zu einem Riesenangebot an chinesischem Essen.

Hier sehe ich zum ersten Mal Hasenköpfe, die zum Verzehr bereit angeboten werden, Tonkrüge, die ein gebackenes Hühnchen enthalten und die man aufschlagen muss, um dieses frisch zu verzehren, Nussriegel und massenweise chongqinger Getreidekringel. Doch etwas zu Essen kaufen hat man hier eigentlich kaum nötig. Überall werden einem Probierteller unter die Nase gehalten, man kann sich an Probierschälchen der Läden bedienen und stillt beim Durchtesten all der interessanten Produkte automatisch seinen Hunger.
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Wir treten in einen „Showladen“ ein. Alle Angestellten sind verkleidet und möchten uns irgendwelche Flyer in die Hand drücken. Sie ignorierend steigen wir die Treppenstufen hinauf und erblicken eine Essenshalle, hinter der sich eine Bühne befindet. Es handelt sich hierbei also um ein Unterhaltungsrestaurant. Eine Dame in traditionellem Gewand sitzt aktuell auf der Bühne und spielt Zither – dabei ist es in diesem Saal fast zu laut, um ihre Klänge noch wirklich genießen zu können.
Zwei Stunden später treten wir aus den Menschenmassen hinaus und steigen wieder in unser Auto. Recht angenehm. Zwar sind die Chinesen in diesen Touristenmassen meist viel zu sehr damit beschäftigt, ihre Gruppe nicht zu verlieren, oder sich in den Läden umzuschauen, doch wenn sie doch Zeit haben, einen zu erblicken, fällt man auch hier unter all den Touristen als ausländischer Tourist auf. Schließlich sind die meisten Begutachter an diesen Orten asiatischer Herkunft und unter ihnen finden sich einige der „Einmalreisenden“. Menschen vom Land, die genau einmal in ihrem Leben ihr Heimatdorf verlassen. Diese sind vom Anblick eines Europäers dann natürlich noch einmal begeisterter als die durchschnittliche Chongqinger Stadtbevölkerung.
Was mir zudem in dieser Touristenstätte auffällt: die Preise sind wirklich angemessen. Lassen wir einmal die Qualität außer Acht, so finden sich in den Geschäften, die an die Touristenattraktionen angrenzen, wirklich keine überteuerten Preise – je nachdem wo man sich befindet, muss man aber natürlich handeln. Doch an diesem Vormittag war alles bepreist und es gab keinen Spielraum.

Vier Tage verbringen meine Eltern und ich gemeinsam in Chongqing. Neben dem Universitätscampus, den ich ihnen zeige, einem Tai-Chi-Schnupperkurs, den meine Mutter unbedingt machen möchte und Parkausflügen, hat meine Gastmutter einige Programmpunkte zusammengestellt. Bereits eine Woche zuvor haben wir uns zusammengesetzt und den Plan gemeinsam ausgearbeitet. Unter den chinesischen Schriftzeichen, die sie zur Beschreibung der einzelnen historischen Städte und Plätze aufschrieb, konnte ich nichts verstehen und mir noch weniger vorstellen, also ließ auch ich mich bei dem ein oder anderen Programmpunkt überraschen. Insgesamt waren es super abwechslungsreiche Tage.


So besuchen wir beispielsweise eine ehemalige Festung, die einst gegen die angreifenden Mongolen standhielt. Oben auf dem Berg kann man von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt laufen, alte Häuser der Soldaten besichtigen, die heute mit Ausstellungsstücken, Bildern und Informationstafeln (wenn auch auf chinesisch, kann man wenigstens die Jahreszahlen in Erfahrung bringen) ausgestattet sind und kommt an zahlreichen Buddhafiguren vorbei. Sehr angenehm an diesem Gelände, zu dem man mit einem Bus gebracht werden und herunterlaufen kann, oder auch andersherum, ist die geringe Menge an Besuchern. Selbst an dem Sonntag, an dem wir dort sind, ist es wirklich überschaubar leer.

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Auf einmal geht der Weg nicht mehr weiter. Na toll. Wie befürchtet haben wir uns tatsächlich verlaufen. „Ihr müsst zu diesem Tor!“ hatte meine Gastmutter uns als einzige Information gegeben, um den Abstieg erfolgreich zu meistern, und auf das Bild auf unseren Eintrittstickets gedeutet. Natürlich haben wir nicht gut genug aufgepasst und sind doch aus versehen durch das falsche Tor gelaufen. Dass die sich hier auch so ähnlich sehen müssen! Also – den Berg noch einmal hoch und die zwanzig Minuten Aufstieg zurück. Doch sehen wir es positiv: ich kann unsere spontane unbeabsichtigte Kurz-Wandereinlage nur begrüßen: schließlich habe ich so zum ersten Mal Reisfelder in unmittelbarer Nähe samt deren Arbeiter sehen können. Wirklich genauso interessant wie die Festung an sich.
Als wir schließlich den richtigen Abstieg gefunden haben, treffen wir auf meine wartende Gastmutter, die sich inzwischen ganz und gar nicht gelangweilt hat. Denn als eine Dame aus Schottland hörte, wie meine Hostmum am Telefon mit uns Englisch redete, nutzte sie die Gelegenheit, auf eine englischsprechende Chinesin gestoßen zu sein aus, um ihr einige Fragen zu stellen. Wir nehmen sie nun auf der Rückfahrt ein Stück im Auto mit. Es stellt sich heraus, dass die Schottin Dozentin an einer Kunstuniversität in Chongqing ist und dort Studierende darauf vorbereitet, ihren Master in einem englischsprachigen Land zu machen. Interessant.
LANGE AUTOFAHRTEN
Bereits bei der Planung habe ich meiner Gastmutter einige Attraktionen aufgeschrieben, die in diversen Reiseführer empfohlen wurden. Zu weit entfernt – so war meist ihre Rückmeldung. Denn in Chongqing ist alles weit entfernt – und dann noch diese endlosen Staus. Selbst zu den Attraktionen, für die sie sich letztendlich entschied, mussten wir jeweils mindestens zwei Stunden für eine Strecke im Auto sitzen. Doch für die Chinesen ist das im Vergleich zu ihrem riesigen Land natürlich ein Katzensprung.
So verbringen wir z.B. auch am ersten Ausflugstag einige Stunden auf den Straßen, bis wir in einem gebirgigen Tal ankommen. Ein riesiges Gelände mit Museum, einem kleinen Park und einem See führt schließlich an den Hauptattraktionspunkt: Mehrere hundert Meter sind hier in den Stein eingehauene Statuen zu entdecken: Cave Carving. Touristenführer leiten ausgestattet mit Mikrophonen (für drei Personen😉 Siehe dazu auch: ) Besucher an den Wänden vorbei und erzählen die Hintergrundgeschichten ausgewählter Kunstwerke. Wir genießen den Anblick ohne Zusatzinformationen – dies ist beeindruckend genug.

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Am Samstagabend schließlich erleben wir das größte Stauchaos – nun ja. Schließlich gehört auch das als Erlebnis in dieser Metropole dazu. Drei Stunden sind wir für das Zurücklegen von 20km unterwegs. Auf einer Brücke steigen wir sogar aus, um Fotos zu schießen und warten am Ende dieser auf den langsam im Stop-and-Go heranschleichenden PKW. Doch wohin geht die Reise? Zu einem Hot-Pot-Viertel. Dort reiht sich Restaurant an Restaurant, die Anlagen sind schön hergerichtet mit Lichterketten und Beleuchtung sowie netten Wasseranlagen. Auch das Essen, das wir alle schon sehnlichst erwartet haben, schmeckt gut.
Besonders interessant empfand ich zudem den Austausch mit meinen Eltern. Wir hatten innerhalb der letzten Zeit China aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten können. Ich als Mitglied einer chinesischen Familie hatte einen deutlich eingeschränkteren, dafür aber tieferen Einblick in die chinesische Gesellschaft erhalten können, meine Eltern hatten sowohl vom Landschaftsbild als auch verschiedenen Transportmitteln und Dörfern deutlich mehr Verschiedenes gesehen, hatten dafür aber nicht die Gelegenheit gehabt, das richtige Alltagsleben kennenzulernen. Durch den Austausch konnten wir alle drei also unseren Erfahrungsschatz noch einmal deutlich erweitern.

 

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