Von vielen Menschen bis hin zu händchenhaltenden Freundinnen

VIELE MENSCHEN
„Zhongguoren tai dao le!“ Viele Chinesen sagen selbst, dass es einfach zu viele von ihnen gibt und beschweren sich über den dadurch besonders ausgeprägten Konkurrenzdruck. Auch mir kommen die Menschenmassen hier wirklich gigantisch vor. Aber schließlich befinde ich mich auch in einer großen Metropole.

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Irgendwie müssen für all diese Menschen auch Berufe geschaffen werden. Was mir mit diesem Hintergedanken besonders auffällt, sind nicht nur die unnötigen Doppelbesetzungen in Ticketverkaufshäusern oder in Supermärkten sowie wirklich enorm vielen Menschen, die z.B. Park oder Wohnanlage in Schuss halten, sondern auch in einem deutschen Fitnesscenter habe ich noch nie so viele Angestellte gesehen, wie hier in China. Der Counter ist stets mit drei Damen besetzt, im Eingangsbereich finden sich viele Angestellte in Anzug, die Gespräche führen, am Handy sitzen, oder in die Kurse hineinschauen. Letzteres ist besonders auffällig. Im Laufe eines einzigen Abendkurses von 50 Minuten tritt gefühlt alle fünf Minuten ein kleines Grüppchen von jeweils drei Personen hinein, schaut sich das Geschehen an und schießt ein paar Fotos. Zu Beginn dachte ich, das sei um neue Trainer zu kontrollieren und um beurteilen zu können, wie gut sie ihren Job machen, aber inzwischen habe ich diese Hypothese verworfen. Auch die Putzkräfte sieht man hier in großer Stückzahl rund um die Uhr. Kaum hat man ein Gerät verlassen, wird an diesem gleich wieder Staubgewischt.
Dort, wo es viele Menschen gibt, muss es auch viele Geschäfte geben. Und das ist hier wirklich wahnsinnig. Egal an welcher Subway Station man aussteigt – das erste was einem begegnet: Geschäfte mit Elektrogeräten, Kleidung, Spielzeug… ich frag mich des Öfteren wie sich all diese Läden so dicht aufeinander erhalten können.
FEIERTAGE
Interessant ist zu diesem Thema zu ergänzen, dass alle Geschäfte an Feier- und Sonntagen durchweg geöffnet haben. „Die wären ja ziemlich blöd, wenn sie sich dieses Geschäft entgehen ließen!“ so der Kommentar meiner Gastmutter. Denn am Wochenende und an Feiertagen hat auch der arbeitende Teil der Bevölkerung Zeit, die Shoppingmailen aufzusuchen.
An Feiertagen in China ist noch etwas Besonderes: an ihnen fallen Arbeit, Vorlesungen an der Uni und Schulunterricht nicht einfach aus, sondern diese werden zum Teil einfach auf einen Samstag verlegt. Meist aber nicht der ganze Unterricht. Wenn also z.B. Montag und Dienstag unterrichtsfrei sind, wie es in diesem Jahr am 1.Mai der Fall war, dann werden die „wichtigsten“ Stunden, darunter Chinesisch, Mathe und Englisch, auf den Samstagsvormittag vorgezogen.

BALANCE AUS ARBEIT UND ENTSPANNUNG
Von klein auf wird den Chinesen die Balance aus Arbeit und Entspannung beigebracht. So legen die Chinesen nicht nur einen großen Wert auf das Essen an sich, sondern auch auf die ausgiebige Essenspausen. Zwischen 12 und 14 Uhr befinden sich die meisten Arbeiter zwei Stunden lang im Restaurant, oder sie legen sich nach dem Essen schlafen. Dies kann man hier in China überall, ohne seltsam angeschaut zu werden. Egal ob man auf einem Stuhl im Sitzen einnickt, es sich auf einer Bank oder einfach am Straßenrand bequem macht, oder sogar in einem Museum. Schlafen ist hier überall erlaubt.


Neben den Mittagspausen gibt es zudem gemeinsame Motivationsübungen. Egal ob in der Schule, oder am Arbeitsplatz. Jeden Tag begegne ich mehrmals ganzen Restaurant- oder Friseursalonbelegschaften, die sich vor ihrem jeweiligen Geschäft aufgereiht haben. Ihr Vorgesetzter steht vor ihnen und erzählt etwas, sie müssen im Chor Sätze nachsagen. Manchmal werden auch Liegestützen, oder Dehnübungen gemacht. An dem Lächeln der Angestellten und einigen Übersetzungshilfen meiner Gastmutter wird mir klar, dass diese Motivationsübungen allgemein sehr beliebt sind und nicht etwa als unter Druck setzen der Belegschaft aufgefasst werden. Auffällig sind auch hier wieder die vielen Mitarbeiter in einem einzigen Salon oder Friseursalon. Nicht selten stelle ich mi die Frage, wie diese große Zahl an Angestellten überhaupt in den kleinen Betrieb passen.

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CHINESISCHES KNÖPFEDRÜCKEN
Ich erhalte meinen Reisepass zurück, aber die beiden Schranken, die mich noch an der Einreise nach China hindern, machen keine Anstalten, aufzugehen. Eine chinesische Stimme ertönt und ich wende meinen Blick von dem Beamten ab, ein Stück nach unten, wo der entsprechende Lautsprecher angebracht sein muss. Dort entdecke ich tatsächlich einen kleinen Bildschirm, auf dem ich dazu aufgefordert werde, einen der vier Smiley-Knöpfe zu drücken, um mitzuteilen, wie zufrieden ich mit dem heutigen Service war. Ich entscheide mich für den gelben Smiley als zweites von links, den man als „eher zufrieden“ deuten könnte. Endlich öffnet sich die Schranke.
Jedes Mal, wenn ich mich in dieser Situation befinde, frage ich mich, was meine Bewertung eigentlich für Auswirkungen hat. Wird an jedem Abend nachgeschaut, welche Bewertungen jeder einzelne Mitarbeiter erhalten hat, und dieser wird dementsprechend abgemahnt, oder gelobt, oder wird mehr Personal insgesamt eingestellt, wenn den „Kunden“ die Wartezeiten zu lange sind – oder: dient diese Bewertung einfach nur dazu, mich als Bewerter glücklicher zu machen, weil ich dadurch den Eindruck gewinne, mein Meinung würde jemanden interessieren und ich könnte mit dem Smileydrücken etwas bewirken?
Vielleicht aber auch drücken Chinesen einfach gerne auf Tasten. Zu dieser Vermutung bekommt man spätestens, wenn man ein paar Mal einen der vielen in den chinesischen Städten zu findenden Aufzüge genutzt hat. Kaum ist man eingetreten, wird augenblicklich die „Schließen-Taste“ betätigt. In deutschen Aufzügen habe ich mich schon oft gefragt, wofür genau diese denn da ist, da sich die Türen ohnehin automatisch schließen, aber kaum bin ich in China angekommen, habe auch ich mich sofort daran gewöhnt und bin inzwischen zu einer begeisterten „Schließen-Tasten-Drückerin“ mutiert. Ob ich dadurch die Fahrtzeit so stark verkürze? Ich weiß es nicht. Inzwischen führe ich diesen Handgriff schon ganz unbewusst aus.

FAMILIE/BEZIEHUNGEN
„Am Sonntag kommt der Bruder meiner Mutter mit seiner Frau, deren Sohn und Schwiegertochter und dessen Tochter“ verkündet mir meine Gastmutter am Samstag. Wie lange sie bleiben? Ungewiss, scheinbar haben sie schon seit drei Jahren geplant, irgendwann einmal Chongqing einen Besuch abzustatten – und trotz dieses langen Vorlaufs wird es nun ein Spontanurlaub. Übernachten würden sie bei der Schwester meiner Gastmutter – das könnte eng werden. Am Sonntag nach dem Frühstück, verkündet uns meine Gastmutter auf einmal, dass die Verwandten anstelle Sonntagabend nun Sonntagmorgens um 2 Uhr aufgetaucht seien. O.k.!? Das ist einmal wieder typisch Chinesisch. In jedem Fall müssen wir nun unseren Tagesplan ändern und brechen eine halbe Stunde später auf zu ihrer Schwester. Das Zusammentreffen verläuft jedoch super unspektakulär. Die Erwachsenen setzen sich an einen Tisch und essen zu Mittag und die Kinder schauen fern, wozu der ein oder andere Erwachsene nach einiger Zeit hinzustößt. Dafür, dass meine Gastmutter ihren Onkel schon seit vier Jahren nicht mehr gesehen hat und früher ganze zwei Monate Sommerferien bei ihm verbrachte, ist das alles doch etwas sehr ruhig. Montag und den halben Dienstag unternimmt meine Gastmutter dann tatsächlich etwas gemeinsam mit ihnen, am Mittwochmorgen reisen sie aber ganz spontan wieder nach Hause. Für drei Tage einfach einmal zehn-Stunden Zugfahrt in Kauf nehmen? Nun ja – die Chinesen denken eben in ganz anderen Dimensionen
Schwester – Dasselbe Blut oder doch nur Freundschaft?
„Ich werde heute mit meinen beiden Schwestern in einem Bett schlafen!“ verkündet mir Coco mit Vorfreude, als sie dabei ist, ihre Schuhe zuzubinden. Ihr Koffer für die kommende Nacht steht neben ihr. „Nein Coco, du hast nur eine Schwester. Das andere Mädchen ist deine Cousine“ verbessere ich meine Gastschwester, damit sie nicht Gefahr läuft, im Gespräch mit anderen Ausländern in Zukunft Missverständnisse heraufzubeschwören. So lange man ein- und dasselbe Blut ist, kann man hier in China jede Familienbeziehung nutzen, wie mir meine Gastmutter mitteilt, sobald wir im PKW sitzen. Bruder, Cousin, Schwester, Cousine… das ist ganz einerlei. Auch Freunde oder Bekanntschaften werden super schnell als „xiaomeimei“ (kleine Schwester) „xiaodidi“ (kleiner Bruder) bezeichnet.
HÄNDCHENHALTENDE FREUNDINNEN
„Warum findet ihr es seltsam, dass wir mit unseren Freundinnen immer Händchen halten?“ Ich befinde mich gerade in einem Gespräch mit einer chinesischen Nachbarin. „Warum finden es die Chinesen komisch, sich zur Begrüßung oder zum Abschied zu umarmen?“ entgegne ich. Sie verzieht das Gesicht und wird nachdenklich.
Chinesen schließen gerne sehr schnell Freundschaften. Bekanntenkreise gibt es nicht. Jedem dem man begegnet und mit dem man sich gut zu verstehen scheint, ist gleich „xiaomeimei“ bzw „xiaodidi“. Aber -auch wenn das Händchenhalten unter Freundinnen üblich ist, so sind die Chinesen doch insgesamt nicht sehr körperkontaktfreudig. Während ich mich in Afrika nicht darüber wundern brauchte, wenn sich nach fünf Minuten Diskussion mit einem Bekannten beide meiner Hände in seinen befanden, damit er sicher gehen kann, dass ich ihm auch aufmerksam zuhöre, geben sich die Chinesen selbst zur Begrüßung nicht die Hand und sind bei Berührungen insgesamt sehr vorsichtig – diese Regel wird nur in den brutalen chinesischen Massageläden gebrochen.
Der Visitenkartenaustausch folgt in China ganz speziellen Regeln. Mit diesen hatte ich zum Glück bereits in Japan Bekanntschaft gemacht. Die eigene Visitenkarte wird in beide Hände genommen, dann verbeugen sich die Austauschenden leicht voreinander und übergeben sich ihre kleinen Pappkarten mit einem Lächeln.
HOCHZEITSPÄRCHEN
Bezüglich Beziehungen ist eine sehr schöne Touristenattraktion, durch den Park zu schlendern und dabei Hochzeitspaare zu fotografieren, die gerade ohnehin für ihr eigenes Fotoshooting posen. Hochzeitsfeiern erfolgen heutzutage aber sehr westlich in schwarz und weiß, obwohl weiß eigentlich traditionell Trauer symbolisiert.
Beziehungen werden auf der Straße offen gezeigt und man darf durchaus auch geschlechterübergreifend Händchenhalten und sich umarmen. Interessant ist jedoch, dass die Müttergruppe plant, einen Extra-Coach einzuladen, der ihre Kinder über das Thema Sexualität aufklären soll. Denn dies hat in den Lehrplan wohl bisher keinen Einzug gefunden.
PERSÖNLICHE BEZIEHUNGEN
Betrachtet man das Geschäftliche, so kommt es nie zu einer Vertragsunterschrift, bevor die entsprechenden Seiten nicht gemeinsam Essen waren und dabei samt Alkohol ausreichend Spaß hatten. Persönliche Beziehungen spielen also auch im Berufsleben eine entscheidende Rolle.
Zu den chinesischen Besonderheiten zählt auch, dass die Chinesen so gut wie keine Privatsphäre kennen. In China schließt man sich selten alleine in seinem Zimmer ein. So kommt es vor, dass chinesische Touristen in einem deutschen Hotel ihre Zimmertüren offen lassen und sich über die Gänge hinweg mit ihren Mitreisenden unterhalten.
„SORRY“
Ich sitze gerade auf meinem Bett und pauke Chinesischvokabeln. In mein Zimmer habe ich mich zurückgezogen, da vier Klassenameraden Cocos für eine interaktive Hausaufgabe bei uns zu Besuch sind und das Wohnzimmer für meine Bücher und mich daher keinen Platz mehr bietet. Ich schaue kurz auf, als der Junge mein Zimmer betritt und mir ein schüchternes „Hi“ entgegenwirft, widme mich dann aber wieder meinen Büchern, in der Vermutung, der Junge würde gleich wieder kehrt machen. Stattdessen läuft er einmal durch mein Zimmer, betrachtet, welche Bücher und Stifte auf meinem Schreibtisch liegen und was sich auf meiner Fensterbank befindet und geht erst danach wieder hinaus. Wenige Sekunden später, steckt derselbe Junge noch einmal seinen Kopf zu meiner Tür hinein und murmelt ein schnelles „Sorry“. Da hat ihm wohl jemand Schnellnachhilfe im Umgang mit Deutschen gegeben.
Interessant ist auch, dass die Chinesen in ihren Studentenwohnheimen nicht selten zu zweit bis sechst aufeinandersitzen. Sie finden das jedoch gar nicht schlimm. Ganz im Gegenteil. Die meisten Chinesen würden sich einsam fühlen, wenn sie ihr eigenes Zimmer bewohnen würden und so lässt sich die Chinesische Kultur und Privatssphärenlosigkeit sehr gut mit einem engen Wohnraum vereinbaren.

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