Wie man vom Sport Halsschmerzen bekommt – Taekwondo

Bisher ist mir dieses Phänomen nur passiert, wenn ich im Winter beim Joggen oder Fahrradfahren ausversehen zu häufig durch den Mund eingeatmet habe. Am Samstagabend im Flugzeug auf dem Weg nach Wuhan, von wo aus es für mich weiter nach Moskau gehen wird, bemerke ich trotz der 20°C Außentemperatur und keinem Fahrradausflug an den ich mich erinnern kann, ein Halskratzen. Nicht lange muss ich überlegen um den Ursprung dieses Gefühls zu ermitteln: zwei Stunden Taekwondo-Training, die ich heute absolviert hatte.
Nachdem ich herausgefunden hatte, dass Tai-Chi und ich nicht unbedingt beste Freunde werden würden, hat meine Gastmutter endlich Kontakt zu einem Taekwondo-Trainingszentrum herstellen können. Schon in Deutschland und bereits seit vielen Jahren, möchte ich eine Kampfsportart erlernen, doch wie so vieles konnte ich diesen Wunsch aufgrund von Zeitmangel bisher leider nie in die Tat umsetzen. Bis auf einige Probestunden in verschiedenen Trainingszentren sowie einigen Tagesselbstverteidigungskursen, ist meine Erfahrung bisher nicht weiter fortgeschritten.
Den Kampfsport bei seinen Wurzeln packen – eine Probestunde Taekwondo
Hier in China wollte ich eigentlich Kung Fu ausprobieren. Da sich aber leider kein Kung Fu Angebot in meiner Umgebung auftreiben ließ, gab ich mich nun auch mit Taekwondo zufrieden. Schließlich stammt dieser Sport wenn auch nicht aus China, zumindest aus Asien, genauer gesagt aus Korea. Im Allgemeinen hat die waffenlose Kampfkunst eben überall in Asien eine deutlich längere Tradition, als auf anderen Kontinenten.
Zum ersten Mal alleine chinesischen Bus fahren – gar nicht so aufregend
Etwas angespannt blicke ich abwechselnd zwischen meinem Handydisplay und der von rechts nach links durchlaufenden Anzeige in roter Schrift am vorderen Ende des Buses hin und her. Ist das diese Station? Wenn ich mich nicht täusche und die chinesischen Zeichen wenn auch nicht verstehen, dann wenigstens korrekt miteinander abgleichen kann, müssten es noch drei Stationen bis zu meinem Zielort sein. Neben meiner eigenen Kontrolle habe ich zudem dem Fahrer meine Haltestelle gezeigt und ihn mit ein wenig Herumgefuchtel und Zeigefingerdeutungen darum gebeten, mich an besagter Haltestelle zusätzlich zu informieren. Es sollte also nichts schief gehen. Ich lehne mich zurück und betrachte die aus- und zusteigenden Passagiere.
Nun stehe ich einmal wieder verloren in der Gegend herum. Die Bushaltestelle muss gestimmt haben und auch die Angabe meiner Gastfamilie, die Straße durch eine Unterführung zu überqueren, stimmt mit der Situation vor Ort überein. Danach aber laufe ich die Straßen entlang und blicke an den umliegenden Gebäuden hinauf, in der Hoffnung, irgendwo ein Schild mit dem Gebäudenamen zu erhalten, den mir ebenfalls meine Gastmutter in chinesischen Zeichen zugesandt hat. Als ich einen Aufsichtsbeamten vor einer Shopping Mall erblicke, frage ich direkt nach. Er zeigt auf die andere Straßenseite. Dort lande ich vor einem Hotel. Als ich einer älteren Dame mein Handy mit dem Namen unter die Nase halte, zeigt sie auf das Hotel. Soll in dieses edle Hotel etwa das Taekwondozentrum integriert sein? Ein Hotelportier, den ich sofort nach Eintritt in die Lobby anspreche, begleitet mich wieder aus den großen Flügeltüren hinaus und zeigt die Straße nach unten und nach rechts. Das einzige, was ich dort entdecke, ist eine riesige Messehalle. Den Beamten am Eingang frage ich ebenfalls nach Gebäudename sowie den chinesischen Schriftzeichen für Taekwondo. Er schickt mich wieder in die Richtung aus der ich gekommen bin. Einige Meter weiter frage ich erneut und werde wieder zurück in Richtung Messe geschickt, sodass ich nun überhaupt nichts mehr verstehe. So weit kann ich doch nun nicht mehr entfernt sein!!! Eine halbe Stunde lang laufe ich nun schon auf einer Strecke von 300 Metern hin und her und mein Zeitpuffer ist damit aufgebraucht. Mein Handy zeigt 16:00 an – Beginn der Taekwondostunde. Wenige Minuten später erhalte ich zum Glück endlich über meine Gastmutter den Kontakt eines Verantwortlichen, dem ich eine Nachricht zukommen lassen kann. Ein Foto von dem, was ich gerade vor mir sehe, scheint ihnen zu genügen, um mir zu versprechen, mich dort gleich abzuholen.
Ein Mann in weißem Trainingsgewandt, sowie eine Frau mit ihrem 8-jährigen Sohn im Schlepptau kommen auf mich zugelaufen. Ähnlich offensichtlich, wie ich sie als die mich Suchenden identifizieren kann, erkennen sie natürlich auch mich gleich an meinem Aussehen. Die Frau ist scheinbar die besagte Mutter, die über ein wenig Englischkenntnisse verfügt.
Gemeinsam laufen wir also wieder zum Messegebäude und mir wird vor der Tür nun bereits zum zweiten Mal an diesem Nachmittag ein kleiner Pappfächer als Werbemittel einer Hochzeitsorganisationsfirma in die Hand gedrückt. Wir gehen tatsächlich in das Gebäude hinein. Verdammt. Dieser Verantwortliche am Messegebäudeeingang hat mich also komplett in die Irre geführt – wenn auch sicherlich unabsichtlich. Im zweiten Stock komme ich schließlich im Trainingszentrum an. Zwischen all dem Weiß, das von den Trainierenden getragen wird, falle ich in meiner nicht-Taekwondo-Sportkleidung noch mehr auf.
„Ha!“ rufe ich, während ich zügig die erste Grundposition einnehme. Die junge Trainerin neben mir lächelt mir zu. „Hen hao!“ (sehr gut). Die nächste Aufwärmübung beginnt. Dreimal mit einer Art Hocksprung in die Luft springen, dann in die Mitte des Trainingsfeldes laufen, dasselbe wiederholen, ans Ende laufen… Seit einer Viertelstunde befinde ich mich auf dem quadratischen Feld und mache Aufwärm- Kräftigungs- und Dehnübungen. Meine Fertigkeiten, die ich durch meine langjährige Turn-, Tanz- Akrobatik- und Reiterfahrung mitbringe und ich durch mein Individualtraining seit Beginn meines Gap Years aufrechterhalten konnte, hilft mir dabei, die Umstehenden zu beeindrucken. Der anfangs noch etwas skeptische Cheftrainer, der scheinbar besonders die Sprachbarriere als Hindernis angesehen hat, mich gut unterrichten zu können, kommt ab und an vorbei und sein Lächeln wird immer breiter. Auch die Zahlen auf Chinesisch sitzen nach dem Aufwärmen ganz besonders gut, denn das Zählen bis acht musste ich übernehmen. Noch in der kurzen Pause wird mit mir, mithilfe der Mutter als Übersetzerin besprochen, welche Optionen ich habe: Ich darf alle Gruppen für die 18 Jährigen sowie die ab 20 Jährigen besuchen. O.k.? Ohne Taekwondovorerfahrung? Als ich nachfrage, bestätigt mir der Trainer gelassen, dass er keinen Zweifel daran hat, dass ich trotzdem sehr gut in diese Gruppen hineinpassen werde. Um das unter Beweis zu stellen, werde ich auch gleich nach Beendigung der Trinkpause der Trainingsgruppe ab 18 Jahren zugeteilt.
Mein Oberschenkel brennt, aber ich versuche den Schmerz zu unterdrücken. Kurz bevor ich das Gefühl habe, dass mein Bein gleich abfällt, kommt der Trainer wieder mit seinem Armpolster an und fordert mich dazu auf, mit meinen Zehen dagegenzutreten. Ich schleudere meinen Unterschenkel nach oben und versuche so gut wie möglich Druck und Energie auf sein Armpolster zu bekommen.
Zehn Tritte später darf ich mein linkes Bein sinken lassen und es geht mit dem rechten weiter. Ein Sprung von links auf rechts, bei dem ich mit meinen rechten Zehenspitzen seine Handfläche, die er schräg vor und über mir hält, berühren muss. Ich gebe mein Bestes. Zwischendurch werden mir Anweisungen auf Chinesisch mitgeteilt, jeweils umrahmt von Handzeichen, die mir zu verstehen geben, dass ich höher springen oder den Ablauf beschleunigen soll. Das Training ist hart, meine Beine schmerzen – aber es macht verdammt viel Spaß. Das, was ich sicher noch am meisten lernen muss, wenn ich mich tatsächlich für ein regelmäßiges Training hier entscheide, sind die Phrasen. Immer wieder ruft der Lehrer etwas in den Raum hinein, und die Schüler müssen antworten. Dies ließe sich aber mit Audioaufnahmen und etwas Nachhilfe meiner Gastfamilie sicher schnell lernen. Ein besonderer Vorteil, hier ins Training zu gehen, ist zudem, dass sich die Trainer einem als talentierten Europäer ganz besonders zuwenden, sodass man fast schon ein Individualtraining erhält.
Applaus für ein Probetraining
Den Abschluss des Samstagstrainings stellt ein Gesamtaufmarsch aller Trainingsgruppen dar. Von den Fünfjährigen bis zu den Erwachsenen stellen sich die Schüler in Reihen auf. Mir wird vom Cheftrainer ein Platz zugewiesen. Es wird einiges auf Chinesisch geredet, dann gibt mir der Trainer ein Zeichen, nach vorne zu treten und mich der Gruppe zuzuwenden. Es folgen noch ein paar Worte, dann eine kurze Zeichenkommunikation, in der ich verstehe, dass ich mich vorstellen soll. Ich gebe also zum Besten, was ich bisher an der Universität lernen konnte. Meinen Namen, mein Herkunftsland, mein Alter. Es wird geklatscht bevor ich mich wieder auf meinen Platz stelle.
Schüler wie Lehrer verabschieden mich mit einem netten Lächeln und einem hoffnungsvollen „Zeidjian“, was so viel wie Auf Wiedersehen bedeutet. Ja, wiedersehen würde ich dieses Trainingszentrum tatsächlich gerne noch ein paar Mal. Aber jetzt geht es erst einmal nach Russland und danach kommt es darauf an, als wie gut und interessant sich die Angebote im Fitnesscenter herausstellen, und ob ich daneben überhaupt noch Zeit für das Taekwondotraining finden werde. Falls nicht, steht einem Beginn dieser Kampfsportart ab meiner Rückkehr nach Deutschland im September schließlich auch nichts im Weg.
Wie das Ausprobieren im Gym verlief, könnt ihr in diesem Artikel nachlesen.

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