Zum ersten Mal große Schwester – meine ersten Au-Pair Erfahrungen in China

„Do you have a boyfriend?” Es ist die jüngere der beiden Mädchen, Judy, die mich das eine Woche nach meiner Landung in Chongqing und den Einzug in ihre Wohnung fragt. Die zehnjährige Coco, die gerade noch im Badezimmer verschwunden war, gesellt sich, als sie diese Frage hört, gespannt zu ihrer Schwester. Es ist der erste Abend, an dem ich mich mit den Kindern alleine in der Wohnung befinde und sie bettfertig machen soll – und genau an diesem Abend weiß ich, dass das Icebreaking endgültig beendet ist.
Es ging deutlich schneller als ich gedacht habe. Schon am ersten Tag kamen die Kinder neugierig auf mich zu, wollten sich mit mir unterhalten und Zeit mit mir verbringen. Bereits auf den ersten Fahrten im PKW begann ich, ihnen Klatschspiele beizubringen, mit ihnen Lieder zu singen, oder einfach nur Herumzualbern. Eigentlich verrückt, wenn man bedenkt, dass ich zu diesem Zeitpunkt erst zwei Tage lang in der Familie lebte. Vermutlich rührt es unter anderem daher, dass ich nicht das erste Au-Pair-Mädchen bin. 2017 kam für sechs Monate ebenfalls eine Deutsche über dasselbe Programm hierher und zog in die Wohnung in diesem Riesenhochhaus ein.

In jedem Fall sind die Kinder super aufgeweckt und ich habe die Möglichkeit, viele meiner Ideen gemeinsam mit ihnen umzusetzen. Einige Eindrücke des Au-Pair-Alltags sind hier in Bildern festgehalten.

Gymnastik, Tanz, Yoga und Akrobatik ist besonders wichtig, den Mädels neben dem Englischunterricht beizubringen. Immerhin haben sie vor einigen Monaten aufgehört, ins Tanztraining zu gehen, und die Mutter weiß, dass sportliche Betätigung ein entscheidender Bestandteil des Alltags sein sollte. Daher habe ich freie Bahn – und kann mit den motivierten Kindern ausprobieren, was ich möchte. Nur gut, dass ich in Deutschland einen Trainerschein absolviert und auch an meinem Gymnasium bereits zwei Jahre lang eine Turn-AG geleitet habe. Sicherlich waren diese Beschreibungen auch in meiner Bewerbung ausschlaggebend.
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Malen spielt hier in China noch eine deutlich entscheidendere Rolle, als in Deutschland. (siehe auch Von einer verschwindenden Schrift bishin zum Malen von Fischen – Chinesische Sprache, Schrift und Kunst). Während sich in Deutschland die meisten Eltern eher nur an besonderen Tagen und zu speziellen Workshops überreden lassen, die oftmals sehr teuren Malkurse zu bezahlen, gibt es in China nicht wenige Kinder und Jugendliche, die Zusatzkurse im Malen besuchen. Während die kleinere der beiden Mädchen jeden Freitagnachmittag in einem Bildungszentrum einen Gruppenmalkurs belegt, kommt für Coco jeden Freitag extra eine Privatlehrerin nach Hause, um vor Ort zu malen. Auch ich darf mitmachen. Hier seht ihr einige Beispiele, was dabei so herauskommt.
Tatsächlich dachte ich, bereits mit sehr vielen Ideen nach China gekommen zu sein. Eine Radiosendung mit den Kindern machen, kleine Filme drehen, mit der Jüngeren, die Anwältin werden möchte einen Prozess nachspielen, mit der Älteren, der momentan Astronautin als Traumjob vorschwebt, eine „Exkursion zum Mars machen“… aber tatsächlich fallen einem spontan und vor Ort noch einmal ganz neue Ideen ein und man kann alles nutzen, um darüber noch einmal auf Englisch zu reden und in den Unterricht zu integrieren. So kommt es z.B. vor, dass wir am Abend meines ersten Samstags in eine Kinderkinovorstellung gehen – eine englische Produktion mit chinesischem Untertitel. Wirklich niedlich und super geeignet, wenn die Kinder ein Wort nicht wissen, und dieser Gegenstand, dieses Tier oder diese Berufsgruppe schon einmal irgendwo in dem Film aufgetaucht ist.
Auch die zweite Filmvorstellung ist interessant – selbst wenn es sich um einen indischen Film mit ausschließlich chinesischem Untertitel handelt, sodass ich nur das Bilderverständnis für den Filmzusammenhang nutzen kann, was aber durchaus ausreicht – selbst Stummfilme haben schließlich früher funktioniert. Besonders anhänglich ist die siebenjährige Tochter, die sich z.B. bei der Kinovorstellung auch unbedingt neben mich setzen will und sich in „brutaleren“ Szenen an meinen Arm krallt. Auch mit der Älteren verstehe ich mich sehr gut, aber man merkt ihr ihre bald 11 Jahre an, sodass sie sich während eines Films nicht mehr an mich klammern muss. Während ihre Mutter und auch die Verantwortlichen der Organisation sie jedoch immer als super schüchtern beschreiben, redet sie mit mir erstaunlich viel – wobei es schon stimmt, dass die jüngere deutlich aufgeweckter ist.
Mein Einfluss auf die Kinder
Ich blicke nach links, wo neben mir auf der Sitzbank Judy und Coco Platz genommen haben. Ich stutze. Sehe ich da wirklich Sitzgurte, die über die Schultern verlaufen? Ich blicke ein zweites Mal zu ihnen und lächle. Tatsächlich. Nachdem ich mich, wie ich es aus Deutschland gewohnt bin, während der ersten Autofahrt ganz normal angeschnallt habe und ihnen ein wenig darüber berichtet habe, warum es so wichtig sei, Gurte auch zu benutzen, haben sie sich beim zweiten Mal, ganz ohne ein einziges Wort meinerseits, angeschnallt. Ganz optimal ist es aufgrund der fehlenden Sitzerhöhung zwar immer noch nicht, aber dafür können schließlich die Kinder nichts. Ich bin wirklich ein wenig schockiert, welch großen Einfluss ich auf die beiden Mädchen habe. Schließlich hat mir ihre Mutter nicht umsonst erzählt, wie häufig sie die beiden schon zum Anbringen der Gurte zu überreden versuchte. Kein Wunder also, dass mir auch im Einführungstraining immer wieder meine Vorbildfunktion vor Augen gehalten wurde.
Judy hängt mit beiden Händen an meinem Oberarm. Ihre Augen sind geschlossen und ich navigiere sie durch den Straßenverkehr. Der Schulhinweg ist natürlich jeden Tag derselbe und viel zu eintönig, wenn man nicht auf einige Ideen kommt. So haben wir die erste Hälfte gesungen. Die zweite Hälfte überbrücken wir nun mit dem „Blindenführerspiel“ auf das gar nicht ich, sondern sie von alleine gekommen ist. Ein weiterer Vertrauensbeweis mir gegenüber. Auch als ich zum ersten Mal die Chorprobe besuche möchte sie mit mir mit. Es ist wirklich ein schönes Gefühl so gut als große Schwester akzeptiert zu werden.
Was mir in meiner Familie auch super gefällt: die Art und Weise, mit den Kindern umzugehen. Es ist in jedem Fall ersichtlich, dass sich die Eltern Gedanken dazu machen, wie sie ihren Kindern die schönste Kindheit ermöglichen und ihnen gleichzeitig die besten Voraussetzungen für ihre Zukunft mitgeben können. Sie verwöhnen ihre Kinder weder zu stark, noch zwingen sie sie zu etwas. Sie albern auch gerne mit ihren Kindern herum, gehen mit ihnen „wandern“ oder ins Kino. Insgesamt also eine recht ausgeglichene Familie. Dennoch ist auch hier nicht heile Welt. Der Vater ist fast immer auf Geschäftsreise und wenn er zu Hause ist, sitzt er meist in seinem Zimmer. Ich mag seine Art mit den Kindern umzugehen sehr – aber zu diesen Situationen kommt es schlichtweg viel zu selten. Wenigstens kann er ab und an bei den sonntäglichen Familienausflügen dabei sein, die wir entweder zu fünft plus Hund verbringen, oder gemeinsam mit der Schwester meiner Gastmutter, deren Mann und deren Tochter, die nicht weit entfernt wohnen.
Darüber hinaus versteht sich meine Gastmutter überhaupt nicht mit ihrer Schwiegermutter, was zu enormen Auseinandersetzungen und Spannungen führt. (Siehe hierzu mehr) Aktuell ist anscheinend das erste Jahr, in dem die Großeltern nicht bei ihnen mit in der Wohnung leben. Die andauernde Bitte der Großmutter väterlicherseits, dies schleunigst zu ändern, scheint meine Gastmutter jedoch noch mehr unter Druck zu setzen, als deren Anwesenheit. Zudem ist der Alltag der Mutter ganz eindeutig von ihrer Handysucht geprägt und sie sitzt fast den ganzen Tag vor ihrem Smartphone. Dieses Problem kann ich hier in China jedoch überall beobachten und es tritt auch häufig genug in Deutschland auf.
Außerdem ist meine Hostmum ein wenig sehr verpeilt, vergisst ab und an mir Planänderungen mitzuteilen, oder dies geschieht sehr kurzfristig – nun kann man natürlich sagen, dass die Chinesen diese Durchgeplantheit und Pünktlichkeit schlichtweg nicht so sehr im Blut haben, wie die Deutschen, aber tatsächlich berichten mir die Verantwortlichen der Organisation, dass meine Gastmutter auch nach chinesischen Verhältnissen auffällig unorganisiert ist. Darüber kann ich aber angesichts der vielen anderen positiven Aspekte hinwegsehen.
Denn die Gastmutter unterstützt nicht nur ihre Kinder, sondern auch mich und hat mir z.B. zu meinem Fitnesszentrumabbo verholfen. Von daher muss ich insgesamt festhalten, dass ich mit der Familie wirklich einen super Glücksgriff habe, denn es geht nicht jedem Au Pair in jeder Familie so. Ich denke, das einer der Vorteile zudem darin besteht, dass ich mich mit meiner Gastmutter auf Englisch verständigen kann. Zwar ist sie etwas sehr gesprächig und redet sehr viel (nicht nur mit mir, sondern auch beim Zusammentreffen mit chinesischen Freundinnen oder beim Telefonieren) andererseits ist es auch interessant, mich mit ihr auszutauschen, Fragen zur Kultur, zu den Entwicklungen Chinas innerhalb der vergangenen Jahre und ihren Ansichten zu politischen Themen stellen zu können, vermittelt mir einen weiteren Einblick in das Leben in China. Zudem können Schwierigkeiten frühzeitig angesprochen und geklärt werden und meine Gastmutter weiht mich sogar in Themen ein, die ich von selbst gar nicht angesprochen hätte, sodass ich mich wirklich als Familienmitglied und nicht als Ausgeschlossene fühlen muss. Das geht soweit, dass sie mir Geheimnisse erzählt, die sie nicht einmal ihren chinesischen Bekannten eröffnet – schließlich bin ich der chinesischen Sprache bisher noch nicht mächtig, sodass sie im Austausch mit mir nicht Gefahr laufen kann, dass ihr Geheimnis ungewollt weitergetragen wird.


Kinderbetreuung und eigene Kindheit
Ab und an schwelge ich in Nostalgie. Bei so vielen Dingen, die mich an meine eigene Kindheit erinnern, ist es daher auch vorprogrammiert, dass ich viel an Deutschland denke. Dies aber nie mit einer Trauer, vielmehr mit einer Vorfreude, dorthin Ende August wieder zurückzukehren. Diese Vorfreude ändert aber nichts daran, dass ich meine Zeit hier in China vollkommen genieße. Ich habe also keine Sehnsucht, oder Heimweh. Es ist gleichzeitig einfach schön zu wissen, irgendwann wieder „nach Hause“ zurückzukehren. Außerdem habe ich aktuell das Gefühl viel für mein später möglicherweise eintretendes Mutterdasein zu lernen. Darunter allen voran die Geduld, die ich mir hier wirklich hart antrainiert habe.
Fazit
Insgesamt gefällt es mir bisher sehr gut. Natürlich läuft nicht alles am Schnürchen. Die Kinder haben auch einmal ihre schlechten Tage, oder einfach keine Lust auf Englischlernen. Besonders die ältere bockt ab und an auch mal ein wenig. Aber wenn alles perfekt wäre, würde es die sechs Monate ja auch langweilig werden. Insgesamt bin ich in jedem Fall gespannt, was wir noch alles zusammen erleben werden und welche Fortschritte ich bei meinen Gastschwestern im Englischen sowie in ihren sportlichen Fähigkeiten vor meiner Abreise Ende August feststellen werden kann.
Von Chinesen, die kein Vertrauen in Spülmaschinen haben, über die Wasserreinigung. Welche Beobachtungen ich im Haushalt sowie auf den Straßen mache, die auf uns Deutsche sehr komisch wirken, erfährt ihr hier mehr.

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