Zwischen Tür und Menschenmassen – Transportmittel Teil II

Ich spüre die Hand des Aufsehers, der vor wenigen Sekunden noch neben der Schiebetür am Gleis stand und irgendwelche Phrasen durch sein Megaphon durchgegeben hat. Ich ziehe meinen Rucksack ab und versuche ihn im Fußbereich noch in die Bahn zu quetschen, während er meinen Körper an die Menschenmasse drückt, die sich stöhnend im Wagon drängt. Die Tür schließt sich und klemmt meine Schultern sowie einen Teil meines Rucksacks kurz ein, bevor die automatische Sicherheitsöffnung mich wieder aus der Bahn ausspuckt. Nun gut. Dann muss ich eben auf die dritte Bahn warten, in die ich dann vielleicht endlich einmal einsteigen kann.
Es ist nicht nur ein Klischee, sondern tatsächlich Realität: überfüllte Bahnen, obwohl alle drei Minuten eine neue kommt. Es ist abhängig von der Richtung sowie der Uhrzeit, aber vielgenutzte Linien sollte man zu Stoßzeiten dringlichst vermeiden. Ich selbst bin zum Glück nur die ersten drei Tage in China darauf angewiesen, genau diese Bahnen zu nehmen, da ich ins Stadtinnere zum Einführungstraining muss. Und die drei Male kann ich es auch als interessante Erfahrung anstelle eines lästigen Alltagsproblem ansehen. Zumindest lerne ich, dass hier die Devise gilt: keinesfalls nett oder rücksichtsvoll sein, sondern sich stattdessen sobald die Bahn angefahren kommt in die Masse werfen und am besten den Ellenbogen links und rechts einsetzen, damit man nicht von anderen Passagieren überrannt wird.

IMAG3757

Der Vorgang an den Bahngleisen beginnt aber schon bevor sich ein Gefährt nähert – zumindest nach deutschen Standard – mit unhöflichem Verhalten. Denn wie die überfüllten Bahnen ist auch an dem Vorurteil, Chinesen können sich nicht richtig anstellen, einiges Wahres dran. Es ist egal, wann du am Einstiegsort ankommst. Du versuchst immer an den Rändern die beste Position einzunehmen, um dich noch vor den Anderen in die Bahn zu schmeißen. Da ich auf dem Weg in meine Uni zum Glück in die andere Richtung muss, kann ich inzwischen jeden Tag den Anblick der „Haufen“, die sich anstelle der geraden Schlangen bilden, und die überfüllten Wägen auf dem mir gegenüberliegenden Gleis mit einem Lächeln betrachten. Denn auch wenn ich in meiner Bahn selten einen Sitzplatz finde, lässt es sich wenigstens angenehm stehen und ich komme nie zu spät weil ich noch fünf schon bei der Ankunft überfüllte Bahnen abwarten muss, in die an meiner Station dann stets nur noch zwei Zustiege möglich sind.
Noch eine Ergänzung zum „Haufenstehen“ Chinesen müssten wirklich einmal einen Schlangenanstiegspflichtkurs belegen. Denn sie stehen unter- über und neben- aber alles andere als hintereinander – eine Schlange kann man das auf keinen Fall nennen. Auch die Aussage „Ey, du hast dich vorgedrängelt!“ würde hier den Angesprochenen keinesfalls als einen achtlosen Egoisten herausstellen. In Chongqing geht es schlichtweg darum, mit allen Kräften in die Bahn zu gelangen. Höflichkeit ist da fehl am Platz.
Tickets, Sicherheit und Kontrolle
Schon wieder fasse ich mir an meine Jackentasche. Ob ich auch meine Fahrkarte dabei habe? Irgendwie werde ich dieses Gefühl nicht los, jeden Moment könnte ein Kontrolleur vorbeikommen. Dabei sind hier in Chongqing Kontrolleure vollkommen überflüssig. Jeder Passagier besitzt eine Magnetkarte, die er zum Öffnen der Schranken am Ein- und Ausgang jeder Haltestelle benutzen muss – ansonsten kann er gar nicht erst auf die Gleise treten. Von daher: wenn ich mich in der Bahn befinde, tendiert die Wahrscheinlichkeit gegen 0, dass ich mein Ticket zu Hause auf dem Schreibtisch habe liegengelassen. Nun ja. In einigen Wochen werde ich mich sicher auch daran gewöhnt haben.
Interessant ist auch, dass nicht nur die Karte beim Eintritt, sondern auch jedes Mal das Gepäck kontrolliert wird. Getränke werden abgecheckt, Messer und explosive Stoffe dürfen nicht in die Bahn mitgenommen werden. Tatsächlich vermittelt mir dies ein ganz besonderes Gefühl von Sicherheit im öffentlichen Verkehr hier in Chongqing. Und Diebe scheint es hier auch nicht zu geben. Als ich mich bei einer der ersten Fahrten ruckartig umdrehe, als ich eine Berührung an meinem Rucksack spüre, erklärt mir eine der Betreuerinnen der Organisation über die ich in China bin, dass ich mir wirklich keine Sorgen zu machen brauche, was ich mit großer Erleichterung höre. Denn besonders in den überfüllten Bahnen ist es äußerst schwierig ununterbrochen den eigenen Rucksack zu kontrollieren und vor Dieben zu beschützen. In dem Gedränge wäre es sicher nicht schwierig etwas unbemerkt aus den Taschen zu entwenden. „Wir zahlen ja fast alles mit WeChat und tragen daher kaum Bargeld herum. Und ein I Phone hat sowieso fast jeder, sodass auch nie Handys geklaut werden“, so die Erläuterung der Einheimischen. Ich bin also beruhigt.
Eine weitere Tatsache die mir gefällt, ist die Gewissheit, dass im Sommer die Klimaanlagen in Subways und Bussen eingeschaltet werden. Denn schon jetzt fühlt es sich in den Wägen 5°C wärmer an, als an der frischen Luft. Bei der Vorstellung, wie sich das bei 45°C Außentemperatur und der enorm hohen Luftfeuchtigkeit in Chongqing gestalten würde, gerade bei so vielen Passagieren, hatte ich schon so meine Bedenken.
Warum die U-Bahn lieber O-Bahn heißen sollte

Tatsächlich handelt es sich bei der Subway in Chongqing für über die Hälfte der Strecken eher um eine Hochbahn. Nur selten führt die Bahn unter die Erde. Der Vorteil: Man erhält einen wunderbaren Ausblick und kann den Transport direkt mit Sightseeing verbinden. Insgesamt sind die U-Bahn-Pläne sehr übersichtlich – selbst als nicht-Mandarin-Sprachler findet man sich sehr gut zurecht, denn an jeder Bahnhaltestelle, die das Umsteigen auf eine andere Linie erlaubt, finden sich massenhaft Ausschilderungen und auch in der Bahn selbst, gibt es nicht nur eine Sprecheransage auf Mandarin wie auch auf Englisch, die die kommende Station ankündigt, sondern zusätzlich elektronische Anzeigetafeln, auf denen sich mitverfolgen lässt, wo man sich gerade befindet.
Verwirrt ist man erst nach dem Ausstieg, denn an fast jeder Haltestelle gibt es Ausgang A,B,C oder 1,2,3,4 die manchmal durch lange Gänge, getrennt sind und teilweise sogar zunächst in Shoppingmalls anstatt an die frische Luft führen, sodass man sich immer im Klaren darüber sein sollte, welcher Ausgang am nähesten am Ausflugsziel mündet. Besonders wenn man sich mit einer weiteren Person verabredet, sollte man darauf achten nicht nur den Stationsnamen auszutauschen, sondern die Detailangaben zum Ausgang nicht vergessen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s